Am Anfang stand das Buch
Buch-Untersuchung
Anschließend wird jedes einzelne Buch in die Hand genommen und auf Spuren durchsucht, die Hinweise auf die Vorbesitzer geben könnten. Dazu gehören Exlibris (kleine Klebezettel mit Hinweis auf den Besitzer), Stempel, Autogramme, Widmungen oder Anstreichungen.

Widmung G. Amundsen
In diesem Fall fanden sich in drei Büchern Hinweise auf einen G. Amundsen. Wir konnten recherchieren, dass es sich hier um Gerhard Laible, genannt Amundsen, handelte. Der Spur folgten wir mit den Leitfragen: Wer war Gerhard Laible? Wurde er in der NS-Zeit verfolgt? Und falls ja, warum?
Werdegang Gerhard Laibles

Dresdener Geburtsregister 1876-1907
06.04.2025. Geburtsregister/Geburtsanzeigen. Digital images. Stadtarchiv der Landeshauptstadt Dresden, Dresden, Germany, Ancestry.com

Blick auf Briesnitz, Anfang des 19. Jh.
Von Otto Richter (1852–1922), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=147341979
Kindheit, Beruf, Schauspielerei
Geboren wurde Gerhard Laible am 6. September 1884 in Dresden-Briesnitz als Sohn des Diakon Johannes Conrad Wilhelm und seiner Frau Wilhelmine Laible.
Nach der schulischen Ausbildung in Briesnitz und am Wettiner Gymnasium in Dresden, studierte er im Alter von 20 Jahren an der Technischen Hochschule Dresden Gartenarchitektur. 1907 war er am Bau der Rennbahn im Grunewald in Berlin beteiligt, bevor er von 1910 bis 1914 in München als Innenarchitekt und Bühnenbildner arbeitete.
1916 zog Laible nach Berlin und arbeitete als Innenarchitekt im Film und am Theater. Von 1925 bis 1927 lernte Gerhard Laible als Regieassistent von Professor Dr. Hoerth (1883-1934), der Professor an der Opernschule der Berliner Hochschule für Musik gewesen war. Inzwischen hatten er als Künstlernamen den Geburtsnamen seiner Mutter angenommen: Amundsen.
Es folgten von 1927 bis 1930 verschiedene Anstellungen als Oberregisseur, unter anderen in Koblenz, Halberstadt, Brünn und Riga. Ab 1930 gab er als Beruf "freier Schriftsteller und Filmdarsteller" zu Protokoll.
Bereits 1918 spielte er in dem Stummfilm „Wundersam ist das Märchen der Liebe“ mit und 1924 in einem weiteren Stummfilm mit dem Titel „Flucht aus dem Paradies“. Beide Filme gelten heute als verschollen, lediglich Szenenfotos sind überliefert.
Szenenfotos
Szenenfotos aus dem Stummfilm „Wundersam ists das Märchen der Liebe“ mit Hella Moja von 1918.
Quelle: DIF, Szene mit Hella Moja (Mitte).
Amundsen selbst ist auf keinem der Bilder zu sehen.

Szenenfoto 1

Szenenfoto 2

Szenenfoto 3

Schauspielerei im Schatten der NS-Herrschaft
Nach Beginn der NS-Herrschaft in Deutschland wurden auch Kunstschaffende ausgegrenzt und verfolgt, wenn sie von der neuen Führung als „Volksfeinde“ eingestuft wurden. Oft wurde ihnen damit die Lebensgrundlage entzogen.
Amundsen ließ sich Gerhard in der Reichsfilmkammer registrieren, um weiterhin als Schauspieler tätig sein zu könne.
Verfolgung und Verurteilung
Strafverfolgung Laibles im NS
Im Landesarchiv Berlin fanden sich zu Gerhard Laible mehre Gerichtsakten aus der Zeit von 1936 bis 1941.
Insgesamt wurde Gerhard Laible dreimal verurteilt, 1914 (anderthalb Jahre Haft), 1936 (drei Jahre Haft) , 1940 (drei Jahre Haft). Amundsen wehrte sich nach Kräften mit schriftlichen Stellungsnahmen gegen die teilweise haltlosen von Nachbarn vorgebrachten Anschuldigungen. Aber nicht nur Nachbarn, der Friseur von Gegenüber, sondern auch seine eigene Schwester sorgten mit ihren Verdächtigungen dafür, dass Gerhard Amundsen stets im Fokus der Staatspolizei blieb.
Der Grund für seine Verurteilungen war immer derselbe: § 175, Widernatürlich Unzucht: „Die widernatürliche Unzucht, welche zwischen Personen männlichen Geschlechts oder von Menschen mit Thieren begangen wird, ist mit Gefängniß zu bestrafen; auch kann auf Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte erkannt werden.“ (§175 RStGB, 1872, von: https://arolsen-archives.org/dossiers/anderssein-verboten/paragraph-175-strafbare-homosexualitaet/)
Der Paragraph aus der Kaiserzeit wurde nach 1945 in der DDR 1968 abgeschafft. Die Bundesrepublik hinkte hier weit hinterher: Erst nach der Wiedervereinigung bei der Zusammenführung des Grundgesetztes und der DDR-Verfassung, kam es zur Streichung des § 175.

Kriminalpolizei, Strafakte Laible
LA Rep 030-02-05 Nr. 235. Titelblatt der Akte

Ausschnitt Stellungnahme Laibles von 1940 (Teil 1)
LArch A Rep 358-02 Nr. 26893/531.

Ausschnitt Stellungnahme Laibles von 1940 (Teil 2)
LArch A Rep 358-02 Nr. 26893/531.

Polizeifoto Laibles (ca. 1940)
LArch A Rep 358-02 Nr. 26893/531.

Ausschluss Laibles aus der Reichsfilmkammer
Aufgrund der Verurteilung nach §175 wurde Gerhard Amundsen am 23. November 1936 aus der Reichsfilmkammer ausgeschlossen. Damit war der Schauspieler, Schriftsteller und Regisseur seiner Lebensgrundlage beraubt und fand keine Anstellungen mehr.
Plötzensee und Tod
Obwohl Gerhard Amundsen sich bereits in Haft befand, dauerten die Untersuchungen noch an. Die Staatspolizei versuchte immer noch Personen zu finden, mit denen Amundsen in irgendeiner Form in Verbindung gebracht werden konnte.
Der letzte Eintrag in der Gerichtsakte wurde mit dem Vermerk versehen, dass eine weitere Bearbeitung nicht mehr nötig sei, da Amundsen am 25. März 1942 in Haft verstarb. Auf dem Totenschein wurde als Ursache Lungenentzündung und Herzschwäche angegeben.

Gefangenenkarte zu Gerhard Laible
Landesarchiv Berlin, A Rep 369, Gefangenenkartei Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, Gedenkstätte Plötzensee, https://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/totenbuch/recherche/person/laible-gerhard

Sterberegister der Berliner Standesämter 1874-1985
Gedenkstätte Plötzensee, https://www.gedenkstaette-ploetzensee.de/totenbuch/recherche/person/laible-gerhard

Mahnende Erinnerung
Gedenken statt Vergessen.
Auch wenn bisher keine Nachkommen von Gerhard Amundsen gefunden werden konnten, versucht die HU der Geschehnisse in der Zeit von 1933 bis 1945 aufzuarbeiten und dem Schicksal der Verfolgten zu Gedenken.
Weiterführende Links
Weitere Informationen zu Gerhard Laible und ähnlichen Fällen finden Sie unter:
- Gerhard Laible, genannt Amundsen in der Looted Cultural Assets-Datenbank
- Stolperstein-Webseite zu Gerhard Laible
- Datenbank Looted Cultural Assets
- Deutsches Zentrum Kulturgutverluste
- Blog zur Provenienzforschung an der UB der HU
- Links zu Objekten der Humboldt-Universität bei Looted Cultural Assets
- Objekte der Humboldt-Universität bei Lost Art
Gefördert durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste
Zugangsbuch
Um überhaupt Bücher zu finden, die in der Zeit von 1933 bis 1945 in die Sammlung der Bibliothek gelangt sein könnten, müssen die zeitgenössischen Akzessionsjournale durchgesehen werden – das heißt die Zugangsbücher.
Zugangsbuch
Auszug aus dem Zugangsbuch „Dona (Geschenke)“, 1942.