Ein Imagefilm der Charité? Identität erzählen und Geschichte formen

Text von Daniel Tobias John von Freyend

Der Film „Werden und Wachsen der Berliner Charité“ wurde 1985 im Rahmen des 275-jährigen Jubiläums der Charité und des 175-jähirgen Bestehens der Humboldt-Universität zu Berlin produziert. (1) Er zeigt die Entwicklung der Institution Charité von ihren Anfängen um 1700 bis zum sozialistischen Neu- und Wiederaufbau 1985. Der Film ist nicht als rein historische Chronik, sondern als visuelle und narrative Fortschrittserzählung zu verstehen, in der medizinische Wissenschaft, staatliche Verantwortung und sozialistische Gesellschaftsvorstellungen miteinander verbunden sind. Auffällig ist dabei der institutionelle Charakter des Films: Die Charité erzählt ihre eigene Geschichte. Der Film ist weniger als externe Dokumentation zu verstehen, sondern als Selbstentwurf und „Imagefilm“ einer medizinischen Großinstitution zu lesen. Warum es für mich wie ein „Imagefilm“ wirkt? Gerade im Entstehungsjahr 1985, einer Phase politischer und wirtschaftlicher Stagnation der DDR, wirkt diese Selbstinszenierung für mich wie ein Versuch, Stabilität, Fortschritt und historische Legitmitation, wahrscheinlich und vor allem gegenüber der BRD und Westeuropa, zu behaupten. Im Mittelpunkt stehen dabei die zeitliche Einordnung, der archivische Kontext, sowie die Analyse der Bild- und Erzählstrategien, mit denen insbesondere der Charité-Neubau des Bettenhochhauses als Zeichen von Fortschritt und staatlicher Leistungsfähigkeit inszeniert wird.

Der Film als Sammlungsobjekt

Der Film liegt heute als archiviertes Filmdokument vor. Recherchen im Rundfunkarchiv ergaben, dass er nicht im regulären Fernsehprogramm der DDR ausgestrahlt wurde. Ein didaktisches Beiheft, wie es für die klassischen Lehrfilme der DDR üblich war, wurde nicht aufgefunden. Das Manuskript von Geerd Dellas namens „Die Charité über drei Jahrhunderte von 1710 bis 2010: Geschichte, Erinnerungen und Bilder" gab mir dann mehr Aufschluss über den Kontext des Films. In der Bibliothek Medical Humanities war es auch einfach andere Lektüre zu finden, da ein Teil der Bibliothek zeitlich und thematisch geordnet ist. Online auf der Seite vom Sammlungsportal Medizingeschichte Charité fand ich Bilder der physischen Trägermaterialien, welche damals den Arbeitstitel „REKO - Charité“ hatten. Später wurde es dann in „Vom Werden und Wachsen der Berliner Charité“ umbenannt. Eine der Filmrollen befindet sich in einer schlichten, rotbraunen Verpackung, deren Oberfläche Gebrauchsspuren und Alterung aufweist. Ein handbeschriftetes Etikett ist zu sehen. Die Materialität der Filmrolle macht damit die Vergangenheit sichtbar: Sie verweist auf analoge Produktions- und Archivierungsbedingungen der DDR und den heutigen Status als historisches Dokument.

In meiner Arbeit werte ich das Digitalisat aus. Der Film hat die Produktionsnummer 342 des Filmstudios Charité und ist ein Licht-Tonfilm. Die Länge der Filmrolle beträgt 532 m für eine der drei Filmrollen aus denen der Film besteht und hat eine Länge von insgesamt 20 Minuten. Die drei physischen Archivalien erzeugen eine Gesamtlänge von 60 Minuten. Im Vorspann sind folgende Katalogdaten zu finden: Das Buch schrieben B. Burkhardt, Dr. G. Dellas und J. Schweinitz. Die fachliche Beratung erfolgt auch durch Dr. G. Dellas, sowie Prof. Dr. D. Tutzke. Die Reproduktion der Fotos kamen aus der Zentralen Fotoabteilung der Charité (ZFA). Für die technische Mitarbeit waren H. Laufer und H. Ritter verantwortlich. Die Kamera führte B. Steinicke und die Regie übernahm J. Schweinitz.

Abb. 1: Berlin um 1700, 02:32 min)

Abb. 2: Friedrich Wilhelm I.: „Es soll das Haus >>Die Charité<< heißen“, 04:11 min

Abb. 3: Eindrücke aus der damaligen Charité, 4:24 min

Historische Fundamente und distanzierte Vergangenheit

Ausgangspunkt bildet die Situation Berlins im frühen 18. Jahrhundert, dargestellt mit historisch klingender Musik und beige-schwarzen Farbtönen und Grafiken (TC:02:25:00-03:49:00).

Diese ästhetische Gestaltung erzeugte (zumindest bei mir) eine bewusste Distanz und verortet die Zeit klar in einer abgeschlossenen Vergangenheit. Zum Inhalt dieses „Kapitels“: Berlin war eine vergleichsweise kleine und von Armut geprägte Stadt. Vor dem Hintergrund der drohenden Pestepidemie wurde 1710 ein Pesthaus vor dem Spandauer Tor gebaut und entwickelte sich zu einem Lazarett, Pflege-und Arbeitshaus, welches den Beginn einer staatlich organisierten Gesundheitsfürsorge darstellte. Mit der Gründung des Collegium medico-chirurgicum in 1724 begann eine neue Phase der medizinischen Ausbildung. Die offizielle Benennung der Einrichtung als „Charité“ durch Friedrich Wilhelm I. mit den Worten: „Es soll das Haus „Die Charité“ heißen“, gab ihr nicht nur einen Namen, sondern zeigte auch ihre programmatische und später für die DDR historische Bedeutung: Die medizinische Versorgung wurde als öffentliche Aufgabe definiert.

Dabei entsteht der Eindruck einer kontinuierlichen Fürseorgetradition. Historisch war das Gesundheitswesen im 18. Jahrhundert keineswegs sozialstaatlich organisiert. Der Film liest die Vergangenheit rückblickend durch die Brille des sozialistischen Staatsmodells.

Abb. 4: Die zerstörte Charité nach dem 2. Weltkrieg, 17:44 min

Abb. 5.: Die Charité während der NS Zeit, 16:20 min

Tradition als Legitimation für Fortschritt

Der Film konstruiert bereits für das 18. Jahrhundert ein Bild von Fortschritt und Innovation, das später als Vorläufer der späten sozialistischen Ordnung gelesen werden kann. Die Charité wird im Film als fortschrittliche Einrichtung dargestellt, die sich von den damaligen Krankenhäusern abhob. Dies zeigt sich insbesonders in den Szenen der Krankenversorgung: Patient*innen liegen in einzelnen Betten, die Räume wirken geordnet und strukturiert und medizinisches Wissen wird als systematisch organisiert dargestellt (TC: 04:52:00-07:52:00) Frühere Missstände verschweigt der Film jedoch nicht vollständig: Zeitgenössische Berichte über einen Mangel an ausgebildeten Pflegepersonal und gewalttätige Übergriffe werden erwähnt, was aber der Vergangenheit zugeordnet und auch mit beige-schwarz-weiss Bildern untermalt wird. Dadurch werden die Probleme klar zeitlich eingeordnet und von der späteren Entwicklung abgegrenzt. Im Jahr 1810 gewinnt die Charité eine neue Rolle als medizinische Ausbildungs- und Forschungseinrichtung. Die Berliner Universität wird gegründet. Die Integration in die medizinische Fakultät sowie der Ausbau von Polikliniken und spezialisierten Kliniken markieren eine neue Phase institutioneller Verdichtung und Profilierung. Die Verbindung von Forschung, Lehre und medizinischer Praxis erscheint im Film als entscheidender Motor des medizinischen Fortschritts. Persönlichkeiten wie unter anderem Robert Koch oder Ludwig Traube werden exemplarisch für eine naturwissenschaftlich fundierte Medizin im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert als internationale Maßstäbe dargestellt. Dies wird voraussichtlich gezielt eingesetzt um die Gegenwart aufzuwerten. Historische Brüche und Probleme werden ausgeblendet, die DDR erscheint als Erbin einer großen Tradition.

Abb. 6: Die Bazille, 17:18 min.

Abb. 7: Neueröffnung der Berliner Universität, 18:47 min

NS-Zeit als Gegenpol und Tiefpunkt

Einen radikalen Bruch symbolisiert der Abschnitt zur Zeit des Nationalsozialismus. Mit einem abrupten Wechsel der Farbgestaltung in dunkle Rot- und Schwarztöne, die durch die gefährlich klingende Musik verstärkt wird, lässt diese Epoche bedrohlich und spannungsgeladen wirken (TC: 16:23:00-17:08:00). Hier beschreibt der Film die Jahre ab 1933 als eine Phase geprägt von Antihumanismus, Rassismus, Antikommunismus und politischem Terror (TC: Zahlreiche Ärzt*innen und Pflegekräfte wurden entlassen, wissenschaftliche Ansätze vernichtet oder unterdrückt. Gleichzeitig hebt der Film einzelne Akte des Widerstands hervor. Etwa den illegalen Kampf antifaschistischer Gruppen innerhalb der Charité. Die Hinrichtung des Arztes Georg Großkurth wird als Sinnbild persönlicher Opferbereitschaft und moralischer Integrität inszeniert (TC: 17:11:00-17:45:00). Die fast gänzliche Zerstörung der Charité am Ende des Zweiten Weltkriegs bildet den visuellen und narrativen Tiefpunkt der Darstellung. Diese „Dramatisierung“ verschiebt die Verantwortung: Die Charité erscheint als Opfer politischer Umstände. Eigene institutionelle Verstrickungen werden nicht thematisiert.

Die DDR macht alles besser?

Der Neubeginn nach 1945, mit Unterstützung der Sowjetunion und unter der Führung neuer politischer Kräfte in der DDR, lässt den Wiederaufbau der Charité als Teil einer umfassenden Neuausrichtung erscheinen (TC: 18:22:00-19:46:00). Helle, mehrfarbige Bilder und feierliche Musik erzeugen den Eindruck von Modernität, Hoffnung und moralischem „Wiederaufbau“ (TC: 20:51:00-21:39:00). Die Wiedereröffnung der Berliner Universität, geprägt durch die Namen Alexander und Wilhelm Humboldt, hebt den Anspruch, an vergangene humanistische und wissenschaftliche Traditionen anzuknüpfen, hervor. Dies wird narrativ und bildlich untermalt, etwa durch die feierliche Enthüllung der restaurierten Statue von Robert Koch in Anwesenheit zahlreicher in- und ausländischer Gäste. Wissenschaft und Gesundheitswesen werden als Pfeiler eines demokratischen und sozialistischen Staates präsentiert. Diese Inszenierung vermittelt ein Bild von reibungsloser Erneuerung. Konflikte, politische Kontrolle oder Probleme der DDR bleiben vollständig ausgeblendet.

Abb. 8: Die restaurierte Robert Koch Statue wird enthüllt, 40:59 min

Abb. 9: Zentrale Bettenaufbereitung, 49:32 min

Die goldenen 60er Jahre starten, Fortschritt und Neubau wird inszeniert

Ein besonderes Augenmerk legt der Film auf den Ausbau der Charité seit den 1960er Jahren, untermalt von nun multifarblichen Bildern und Sequenzen, gepaart mit „moderner“ Musik. Die steigende Zahl der Studierenden, internationale wissenschaftliche Anerkennung sowie staatliche Auszeichnungen wie der Nationalpreis der DDR dienen als „sichtbare Belege“ für den Erfolg des Weges. (TC: 23:22:00- 27:10:00). Der seit 1976 realisierte Neubau der Charité wird im Film nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern als fortschrittlicher Entwicklungsprozess gezeigt. (TC: 27:11:00-27:32:00). Dieser Neubau war Teil einer staatlichen Investitionsentscheidung, wie zeitgenössische Quellen belegen. Er wurde „(…) mit dem Beschluss des Politbüros der SED und des Ministerrates der DDR vom Juli 1975“ (2) eingeleitet. Einblicke in moderne Bereiche wie die zentrale Bettenbereitstellung, Versorgungslogistik und Medizintechnik unterstreichen den Anspruch eines leistungsfähigen und fortschrittlichen Universitätsklinikums als Prestigeprojekt. Die Bildsprache suggeriert technische und organisatorische Perfektion. Tatsächlich sah es aber anders aus: Die medizinische Versorgung in der DDR war in vielen Bereichen von Ressourcenknappheit und Modernisierungsproblemen geprägt. Der Film wirkt wie eine gezielte Gegenerzählung zu bestehenden Defiziten. Beeindruckend fand ich hier das Miniaturmodell welches im Film benutzt wurde, um zu veranschaulichen wie die Charité nun aufgebaut war: Zu erkennen sind der rekonstruierte Altbau, das zentrale Bettenhochhaus sowie weitere Klinik-und Funktionsgebäude, die als zusammenhängender, modern organisierter Komplex dargestellt werden. (TC: 43:25:00-45:48:00). Die funktionelle Verbindung des rekonstruierten Altbaus mit dem Neubau symbolisiert die programmatische Einheit von Tradition und Fortschritt. In exemplarischen Alltagsszenen der nun modernen Charité, etwa der nächtlichen fachbereichsübergreifenden Versorgung einer Unfallpatientin und die gleichzeitige Geburt von Kindern wird diese fortschrittliche Institution erfahrbar gemacht (TC:52:22:00-54:30:00).

Abb. 10: Die Charité wird nie mit der Mauer gezeigt, 51:42 min

Leerstellen

Es ist zu beobachten, dass der Film die politische Teilung Berlins vollständig ausblendet. Die Berliner Mauer wird in keiner Einstellung gezeigt. Stattdessen wird die Charité als ungeteiltes medizinisches Zentrum im Herzen Berlins dargestellt und als sichtbarer Ausdruck sozialistischer Wissenschafts- und Gesundheitspolitik repräsentiert. Probleme wie mangelnde Finanzierungsmöglichkeiten, Bauprobleme, die „Republikflucht“ der Ärzt*innen (3) und dass die Charité Lücken aufweist, werden völlig außer Acht gelassen.(4) Spannend fand ich auch wie ein „Image“ erzeugt wird durch narrative, visuelle und musikalische Erzählstrategien und auch dass die DDR ihre Wurzeln schon vor der Gründung der DDR aufzuzeigen versucht. Die Charité feierte sich selbst und mit ihr feierte sich der Staat. Gerade dieses Bedürfnis nach Legitimation und Identitätsfindung macht den Film auch noch heute so interessant. Vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Stagnation der DDR Mitte der 1980er Jahre erscheint die Inszenierung von Fortschritt und Leistungsfähigkeit nicht zufällig. Der Film erweist sich als aufschlussreiche Quelle, die nicht nur Einblicke in die Geschichte der Charité bietet, sondern auch in die Selbstdarstellung der DDR in ihren letzten Jahren.

Charité-Filmstudio

1985
45:00 min
Regie: Jürgen Schweinitz
Kamera: B. Steinicke
Buch: B. Burkhardt, G. Dellas, J. Schweinitz
Technische Mitarbeit: H. Laufer, H. Ritter
Ton: D. Grotzke
Grafik/Aufnahme: H. Bugiel, P. Ringk


Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin, IGM-AV-FilmChar-1611

Digitalisiert: unbekannt

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. https://medizingeschichte.charite.de/fileadmin/user_upload/microsites/m_cc01/medizingeschichte/Veranstaltungsflyer/LNDW_IGMEM_Forschungsprojekte.pdf

2. https://www.charite.de/die_charite/profil/historie

3. Dellas, G. (2013) Die Charité über drei Jahrhunderte von 1710 bis 2010 : Geschichte, Erinnerungen und Bilder / Geerd Dellas. Manuskript.

4. Gibas Monika, Pasternack Peer, . 1999. Sozialistisch behaust & bekunstet. Leipzig: Leipziger Univ.-Verl.

5. Lennig Petra, 2010. Die Berliner Charité - Schlaglichter aus 3 Jahrhunderten. Berlin: Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité

6. Fischer Ernst Peter, 2009. Die Charité - Ein Krankenhaus in Berlin 1710 bis heute. Monografie.

Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin, IGM-AV-FilmChar-1611