Der Hamster. Ein Blick hinter die Kulissen
Text von Daniel Tobias John von Freyend
Der Lehrfilm „Der Hamster“, produziert vom DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme und herausgegeben durch das Deutsche Zentralinstitut für Lehrmittel (DZL), gehört zur Reihe Naturkundlicher Unterrichtsfilme der DDR. Mit einer Länge von 97 Metern und einer Laufzeit von etwa neun Minuten war er für den schulischen Einsatz konzipiert. Die Signatur F685 verweist auf eine systematische Einordnung im Lehrfilmkatalog, welches einen Hinweis auf die institutionelle Steuerung audiovisueller Bildungsmedien der DDR darstellt. Ein didaktisches Beiheft (Abb. 1), wie es für die meisten Lehrfilme der DDR üblich ist, habe ich in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF, auffinden können. Verfasser des Beiheftes ist Willi Lübke, welcher auch das Drehbuch schrieb. Es erschien im Verlag „Volk und Wissen / Volkseigener Verlag Berlin“. Kamera des Lehrfilms führte Walter Suchner und das Herstellungsjahr war 1955. Die Mitarbeiterin des Archivs des BBF teilte mir mit, dass eine „Entwicklungsakte bzw. Unterlagen zur Registrierung des Films nicht im bisher unbearbeiteten Aktenbestand [gefunden werden konnten]“ (1) Dies schließe jedoch nicht aus, dass das Material sich im Haus befinden könnte, jedoch dies zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht auffindbar sei. „Das DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation unterstützt Wissenschaft, Politik und Praxis im Bildungsbereich. Das Leibniz- Institut erarbeitet, dokumentiert und vermittelt Wissen über Bildung – mit einer für Deutschland einzigartigen Kombination aus Forschung, Transfer und Infrastrukturen. So trägt es dazu bei, dass Bildung gelingt und Herausforderungen im Bildungswesen bewältigt werden können.“ (2) Der Film ist als Archivalie in diesem vorhanden und auffindbar. Ich habe in meiner Recherche das Digitalisat ausgewertet.

Abb. 1: Das Beiheft (Foto: Daniel Tobias John von Freyend)

Abb. 2: Ein Hamsterweibchen und ihre Jungtiere (TC: 1:31 min)
Mehr als nur ein Tierfilm
Film und Beiheft sind eng aufeinander abgestimmt. Während der Film die Lebensweise des Tieres anschaulich vermittelt, liefert das Beiheft systematische, methodische und ideologische Rahmung für den schulischen Einsatz. Der Film wirkt anfangs wie eine sachliche Naturbeobachtung. Gerade diese scheinbare Objektivität verstärkt jedoch seine pädagogische Wirkung, da Wertungen nicht offen ausgesprochen, sondern über die Auswahl der Bilder vermittelt werden. Das Beiheft steuert damit aktiv die Wahrnehmung des Films und legt fest, welche Aspekte besonders „bedeutsam“ werden sollen.
Der Hamster vor der Kamera: Beobachtung und Inszenierung
Der Film ist als Stummfilm gestaltet. Die Kamera konzentriert sich auf die Beobachtung eines Feldhamsters in seiner natürlichen Umgebung. Zu Beginn sieht man weite Felder, dann den Hamster beim Graben (TC: 00:41:00-01:00:00). Die Kamera wechselt in einen Querschnitt dessen Baus: Das Innere wird sichtbar, die Jungtiere, das Nest und Vorratskammern (TC:01:16:00-01:37:00) (Abb. 2). Diese Perspektive ist kein zufälliger Blick, sondern eine didaktische Inszenierung. Sie macht Unsichtbares sichtbar und strukturiert das Tierleben nachvollziehbar. Der Hamster verlässt seinen Bau, putzt sich, knabbert Weizen, und stopft sich die Backen voll (TC:03:09:00-04:38:00) Ein Greifvogel erscheint, vermutlich ein Bussard. (Abb. 3)
Der Hamster, der sich noch gerade auf dem Feld befand, flieht in seinen Bau zurück (TC:05:52:00-06:01:00). Der Jahreszyklus vom Frühjahr und Sommer bis zum Herbst und Winter schafft narrativ einen geschlossenen Zusammenhang. Das Tier wird in seinem natürlichen Umfeld gezeigt. Dieser Lebensraum ist ausschließlich das Getreidefeld. Im Film wird der Lebensraum des Hamsters zugleich als Ort landwirtschaftlicher Produktion dargestellt. Das Kornfeld ist nicht nur Biotop, sondern auch ein Arbeits- und Wirtschaftsraum.

Abb. 3: Ein Greifvogel erscheint (TC: 05:52 min)

Abb. 4: Ein Hamster im Getreidefeld (TC: 2:00 min)
Zoologie zum Anfassen: Eine Frage der Perspektive
Bereits im ersten Teil des Beihefts wird der Hamster zoologisch eingeordnet. Er wird als Steppentier beschrieben, seine Verbreitung, Anatomie, Fortpflanzung, Nahrung, sowie seine Bauweise werden detailliert aufgezeigt. Es geht den Autor*innen des Beihefts um eine fachlich korrekte Vermittlung der Biologie. Auch im Film wird dies umgesetzt: Die Backentaschen werden deutlich sichtbar gemacht, die Technik des Ährenentkörnens wird gezeigt. Die Kamera verweilt auf Bewegungsabläufen, die das Tier als Nagetier kategorisieren. Diese Veranschaulichung spricht die Schüler*innen der fünften Klasse laut Beiheft "emotional an und fördert dadurch nachhaltig die kognitive Verankerung". Doch im Beiheft wird nun eine weitere Perspektive deutlich: „Zweifellos muß der Hamster vom menschlichen Standpunkt aus als Schädling bezeichnet werden, da er vor allem Brotgetreide vernichtet und einträgt.“ (3) Diese Formulierung ist zentral. Er wird hiermit auch aus einer produktionsbezogenen Sicht bewertet. Er kann also einen Schaden für die Landwirtschaft darstellen. Er erscheint im Film sowie im Beiheft zwar als effizienter „Akteur“, der jedoch in Konkurrenz mit der menschlichen Getreideproduktion steht. (Abb. 4) Die Nützlichkeit des Hamsters wird jedoch nicht gänzlich verschwiegen: „Bei starkem Feldmausbefall kann der Hamster durch Vertilgung der Mäuse sogar nützlich werden.“ (4) Auch verschiedene Bekämpfungsmethoden des Hamsters werden genannt: Das Ausgraben der Baue, Ertränkung durch Eingießen, Vergiftung durch Giftköder oder schwere Gase. Die Sprache vermittelt einen pragmatischen Umgang mit dem Tier. Er erscheint als regulierbarer Teil innerhalb landwirtschaftlicher Produktionszusammenhänge. Diese Perspektive ist eng mit dem didaktischen Anspruch des Films verbunden. Im methodischen Teil des Beihefts wird auf die Bedeutung für den Unterricht hingewiesen: „Ein neuer Gesichtspunkt ist dabei besonders die polytechnische Seite als dominierender Bestandteil sozialistischer Erziehung.“ (5) Er soll also im Zusammenhang mit landwirtschaftlicher Produktion und volkswirtschaftlicher Bedeutung gestellt werden. Es wird empfohlen, den Hamster anstelle anderer Nagetiere zu behandeln, da seine volkswirtschaftliche Bedeutung wichtiger sei, als die anderer Nagetiere. Warum? Weil er Brotgetreide vernichtet und große Vorräte anlegt. Im Gegensatz zu Hasen oder Eichhörnchen wird er ausdrücklich als Schädling eingeordnet. Natur wird aus der Perspektive der Arbeit und Produktion bewertet. Das entspricht auch dem Bildungsauftrag der DDR, Naturwissenschaft in den Dienst der sozialistischen Gesellschaft zu stellen. Film und Beiheft bilden somit eine Einheit. Der Film zeigt anschauliche Bilder wie Schnittdarstellungen des Baus, Winterschlaf, Vorratskammern oder Großaufnahmen der Nagezähne. Das Beiheft ordnet diese Bilder ein und gibt methodische Hinweise für den Unterricht. Der Hamster erscheint als Teil eines gesellschaftlichen Gefüges. Das Beiheft liefert somit eine ausführliche Begründung, warum der Film für den Unterricht geeignet ist. Es wird aufgezeigt, dass viele entscheidende Lebensvorgänge des Hamsters im Verborgenen stattfinden. Er dient als Anschauungsmittel um den Schüler*innen eine zusammenhängende Vorstellung zu vermitteln.
Ein Tierfilm. Und doch mehr.
Gerade diese Verbindung von Naturbeschreibung, ökonomischer Bewertung und didaktischer Steuerung macht den Film interessant. Er zeigt wie selbst Naturunterricht in ein größeres gesellschaftliches und ideologischen System eingebunden war.
Quellen- und Literaturverzeichnis
(1) Email Verkehr mit A. K. (BBF/DIPF) am 06.02.2026
(2) https://www.dipf.de/de/institut/das-dipf/unsere-mission
(3) Lübke, Willi. Beiheft zum Unterrichtsfilm „Der Hamster“ (F 685). Berlin: Volk und Wissen 1955), 9.
(4) Lübke, 1955, 16.
(5) Lübke, 1955, 18.
Lübke, Willi. Beiheft zum Unterrichtsfilm „Der Hamster“ (F 685). Hrsg. Deutsches Zentralinstitut für Lehrmittel. Berlin: Volk und Wissen Volkseigener Verlag, 1955. Satz und Druck: Druckerei Osthavelland Velten
Homepage DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation: https://www.dipf.de/de/institut/das-dipf/unsere-mission (zuletzt aufgerufen am 24.02.2026 um 19:43 Uhr)
F685
DEFA-Studio für populärwissenschaftliche Filme
Deutsche Zentralinstitut für Lehrmittel (DZL)
1955
Drehbuch: Willi Lübke
Kamera: Walter Suchner
Signatur:
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)
Inventarnummer XXX
Digitalisiert mit Fördergeldern des XX