Annäherungen an einen historischen Lehrfilm als Archivalie
Text von Leander Verse
Auf meinem Bildschirm entfaltet sich ein Film. Das Flackern von Einzelbildern, Weiß im Wechsel mit Schwarz. Dann eine Schrifttafel.
AKADEMIE DER PÄDAGOGISCHEN WISSENSCHAFTEN DER DEUTSCHEN DEMOKRATISCHEN REPUBLIK
INSTITUT FÜR UNTERRICHTSMITTEL
steht dort geschrieben. In einer grünlichen Schrift auf schwarzem Hintergrund. Die besagte Akademie, kurz APW, war, so ergeben meine Recherchen, ab 1970 eine pädagogische Forschungs-einrichtung und die zentrale außeruniversitäre Stelle für die Produktion von Lehrmitteln in der Deutschen Demokratischen Republik. Von hier stammt also der Lehrfilm, den ich schaue.
Ebenfalls sichtbar wird im Bild: Eine Nummer, die eine Signatur zu sein scheint: T-F 962. Und eine Jahreszahl: 1975.
Abb. 1: Filmstill mit Hitzebeschädigung [00:00:06]
Auf Tonebene beginnt eine eher heitere Musik zu spielen. Dann sprengt eine Beschädigung des Filmstreifens kurz den Rahmen, von unten.
Wie um noch einmal zu verdeutlichen: du schaust das Digitalisat eines analogen Films.
Im Zuge eines Archivbesuchs kann ich die analoge Filmrolle in die Hand nehmen und begutachten. Sie befindet sich im Sammlungsbestand der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung, die das Archiv der am 31. Dezember 1990 geschlossenen APW kürzlich (2025) übernommen hat. Die Untersuchung der Filmdose mit der darin befindlichen Filmrolle ergibt, dass es sich bei dem Film auf meinem Bildschirm um ein Digitalisat der 542. Positivkopie eines 16mm-Schmalfilms auf Acetat-Trägermaterial der Marke Orwo handelt. Diese Digitalisierung wurde am 28.05.2015 hergestellt. Ein Bildkader der analogen Positivkopie wurde also beschädigt, wahrscheinlich erhitzt. Die Verbrennung stammt wohl von einer Projektorlampe. Die 542. Positivkopie wurde also genutzt, mutmaßlich in einer Schule vorgeführt.
Im Film selbst folgt nun die Einblendung des Titels.
Entstehung der glazialen Serie.
In den folgenden 8 Minuten, die der Film dauert, wird ein geografisches Phänomen erklärt. Vergangene Eiszeiten haben durch die Ausbreitung und das Wieder-Abschmelzen von Gletschereis charakteristische Oberflächenreliefs gebildet. Dieses Phänomen prägt die Landschaft des Nordens „unserer Republik“, so der Sprecher im Off und meint die Deutsche Demokratische Republik. Der Film arbeitet auf Bildebene mit dokumentarischen Aufnahmen der beschriebenen Landschaft Brandenburgs einerseits, sowie mit aufwendig produzierten Trickaufnahmen inkl. Beschriftungen / Symboleinblendungen andererseits. Auf Tonebene sind die besagte Musik und ein erklärendes Voice-Over vernehmbar. Das Voice-Over präsentiert sich auktorial, eine seriöse männliche Stimme spricht im Stile der für Dokumentarfilm typischen Voice-of-God Erzählung.

Abb. 2: Filmdose innen.

Abb. 3: Filmdose außen.
Kontextualisierungen durch weitere Archivalien
Für welchen Lehrkontext war der Film intendiert? Es handelt sich um einen Unterrichtsfilm, der für den Geografie-Unterricht der fünften Klasse konzipiert wurde. So zumindest lässt sich schließen aus einem „Beiheft zum Unterrichtsfilm Entstehung der glazialen Serie“, das ebenfalls die Nummer T-F-962 ausweist und zusammen mit der 16mm-Filmkopie im Sammlungsbestand der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung archiviert ist. Die Bibliothek und ihre Sammlung befinden sich in einem Gebäude an der Warschauer Straße, das mal eine Kühlschrankfabrik war. Ein vermeintlich guter Lagerort für einen Film zur glazialen Serie.
Im Beiheft werden unter dem Kapitel „Zu Funktion und Aufbau des Unterrichtsfilms“ die Wirkungen erwähnt, die der Film mit Hinblick auf den Lehrplan erfüllen soll. Filmwissenschaftlich interessant erscheint dabei der Verweis auf das filmische Medium, das „die drei Komponenten Raum-Bewegung-Zeit“ in Exzellenz darzustellen vermag. Insbesondere mit Blick auf die Darstellung von zeitlichen Verläufen wird nachvollziehbar, eine Serie, hier die glaziale, in filmischer Form zu vermitteln. Auch von „Einsichten in das Ursache-Wirkung-Verhältnis“ ist hier die Rede. Eine Einbettung dieses didaktischen Ansatzes in die Ideologie der DDR wird dann deutlich, wenn die Funktion des Films in diesem Kapitel mit einem „dialektischen Denken“ und einem „Denken in Zusammenhängen“ gleichgesetzt wird, wobei aus einer Rede Margot Honeckers mit dem Titel „Unsere Jugend zu guten Kommunisten erziehen“ zitiert wird. Die oben genannten filmischen Mittel, mit denen „Entstehung der glazialen Serie“ arbeitet, werden hier im Sinne einer Erkenntnistheorie begründet. Im Film folgen auf eine konkrete Anschauung durch dokumentarische Aufnahmen aufwendige Trickdarstellungen, die eine theoretische Durchdringung ermöglichen sollen, bevor wieder Realbilder gezeigt werden. Das Reale und Bekannte wird mit der abstrakteren Präsentation verbunden. Das Voice-Over soll, so der Text im Beiheft, sowohl führend als auch öffnend tätig sein, dann erklärend wirken, wenn die Komplexität der Abläufe eingeordnet werden muss und dann die eigene Beobachtungsgabe fördern, wenn die Bilder dies zulassen. Die Musik schlussendlich wird als dramaturgisches wie emotionales Mittel genannt, letzteres insbesondere dann, wenn die Realaufnahmen der Landschaft („unserer Republik“) gezeigt werden und so nicht zuletzt einem patriotischen Gestus folgen. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang außerdem, dass das Territorium der DDR im Film bereits zur Eiszeit ausgewiesen wird. Wenn der Film auf einer Reliefkarte, die von Norden her mit Eis überzogen wird, die DDR markiert, suggeriert er eine Kontinuität des eigenen Staates über Jahrtausende hinweg.
Abb. 4: Filmstill mit Trickaufnahmen [00:07:42]
Abb. 5: Filmstill mit Realaufnahmen Brandenburg [00:01:12]
Abb. 7: Abbildung 7: Filmstill Trickaufnahme DDR zur Eiszeit [00:02:45]
Das Filmobjekt und seine Begleitarchivalien als Quelle lassen sich also in einen realgeschichtlichen, kulturhistorischen Kontext einbetten. Ein Staat und sein System, die diese didaktiktischen Überlegungen bedingen, lassen sich herauslesen. Bezüglich der DDR geraten dann, so denke ich manchmal, ideologische Verankerungen schneller in den Blick, werden vielleicht sogar vorschnell ein- und zugeordnet. Im heutigen Unterricht würde der Umgang mit dem Medium Film und die Begründung seines Einsatzes gleichsam aktuelle gesellschaftliche Tendenzen spiegeln. So würden aktuelle Lehrpläne von unserem System, einer zunehmend digitalisierten, marktwirtschaftlichen und individualisierten Gesellschaft zeugen. Film im heutigen Unterricht einzusetzen, das heißt zum Beispiel, einer zunehmenden Digitalisierung gerecht werden zu müssen und mit einem Authentizitätsproblem digitaler Bilder umzugehen.
Ein weiterer Stapel Dokumente aus der Sammlung der Bibliothek, die im Zusammenhang mit dem Film stehen, beinhaltet Produktionsunterlagen, Entwürfe und Vorüberlegungen. Im April 1972 besprach eine Expertengruppe aus 18 Personen ein erstes Szenario des Films. Eine PTA, eine pädagogisch-technische Aufgabenstellung, als Sammlung der Entwürfe und ihrer Beratungen zur Produktion des Films wurde im Dezember 1972 fertiggestellt. Am 30. April 1974, drei Jahre später, ist der Film fertig. Nach seiner Produktion, im Juli 1975, beurteilte ein Mitarbeiter des DEFA-Studios für Kurzfilme die fotografische und mechanische Qualität des Films mit befriedigend. Aufgrund dieser Ergebnisse wurde der Film „zur Massenkopierung empfohlen“. Im August 1975 wird er erneut von einer 13-köpfigen Expertenrunde besprochen und anerkannt. In diesem Zuge ist von einem „sehr wichtige[n] und nützliche[m] Unterrichtsmittel“ die Rede; die filmische Gestaltung des Themas sei eine „wertvolle Pionierarbeit“. Es folgte die Vervielfältigung in 1524 Kopien durch das Defa Kopierwerk. Im Rahmen meiner Quellenuntersuchungen nicht nachvollziehbar bleibt eine unterschiedliche Ausweisung der Filmlaufzeit von 12 resp. 8 Minuten in zwei Dokumenten des 6. resp. 14. August 1975. Auch ein kleiner, mit Bleistift handgeschriebener Zettel im Dokumentenstapel mit dem Verweis auf die beiden unterschiedlichen Laufzeiten und der Frage „was ist richtig?“ hinterlässt unentschlüsselbare Hinweise.

Abb. 8: Übersicht der Archivalien.
Und was bleibt offen?
Im Zuge all dieser aufwendigen Planungen, Bewertungen und Besprechungen durch Erwachsene frage ich mich: Wie nahmen Schüler*innen den Film auf? Ein Film der pädagogischen Hochschule Potsdam, der eine Lehrsituation abfilmt und mustergültige Verwendungen des Films T-F-962 im Unterricht zeigt, kann auf diese Frage nur bedingt Antworten liefern. Es handelt sich um eine für diesen Lehrfilm für Lehrkräfte hergestellte Klassensituation, die den Einsatz des Lehrfilms „Entstehung der glazialen Serie“ beispielhaft aufzeigt. Immer wieder blicken die Schüler*innen in die Kameras, von denen es mehrere im Raum gibt, und zeigen sich belustigt. Das alles wirkt eher geisterhaft, was auch daran liegt, dass die Videoqualität so stark degradiert hat, dass der umhergehende Lehrer im Filmbild eine weißliche Silhouette nach sich zieht.
Quellen- und Literaturverzeichnis
Leitfaden zur Quellenkritik, Fachgebiete Wissenschafts- und Technikgeschichte, Technische Universität Berlin, Online: https://www.static.tu.berlin/fileadmin/www/10002004/Material_Studium_Lehre_tg/Leitfaden-Quellenkritik-1.pdf [9. Februar 2026]
Filmportal: „Entstehung der glazialen Serie“, in: filmportal.de, o.J., URL: https://www.filmportal.de/film/entstehung-der-glazialen-serie_07adec7857f74782b72adc66cf5084d7 [9. Februar 2026].
Schmalfilmkino: „Lehrfilm (DDR) – Geographie“, in: schmalfilmkino.de, o.J., URL: https://schmalfilmkino.de/katalog/?pos=2&katgen=Lehrfilm+%28DDR%29+-+Geographie [9. Februar 2026].
Entstehung der glazialen Serie, 1975, Regie: Hinz, Ingrid, Produktion: DDR, DEFA-Studio für Kurzfilme, Digitalisat vom 28.05.2015 von 16mm-Positivkopie, Orwocolor, Ton, Sammlungsbestand der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin.
Birkenstein, Klaus Richter: „Beiheft zum Unterrichtsfilm – Entstehung der glazialen Serien“, Akademie der pädagogischen Wissenschaften der Deutschen Demokratischen Republik – Institut für Unterrichtsmittel, 1976, Sammlungsbestand der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin.
Dokumentenmappe: Produktionsunterlagen zu „Entstehung der glazialen Serie“, Sammlungsbestand der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung Berlin.
T-F 962
Akademie der Pädagogischen Wissenschaften der Deutschen Demeokratischen Republik
Institut für Unterrichtsmittel
1975
8 min
Regie: XXX