Ein Zahn zum Star machen: Die Kunst der Veranschaulichung bei einem winzigen Gegenstand

Text von: Abigél Szilas

I. Der Film und wo er wohnt: Die Bibliothek & Sammlung Medical Humanities

Die für alle Interessierten öffentlich zugängliche Bibliothek & Sammlung Medical Humanities (BSMH) ist eine Serviceeinrichtung für die Forschung und Lehre an der Charité–Universitätsmedizin Berlin. Die rund 200.000 Medieneinheiten umfassende wissenschaftliche Sammlung zur Medizingeschichte der Charité, Berlins und Deutschlands beinhaltet Bücher, Krankenakten, Bilder, Dokumentar- und Lehrfilme.

Unter dieser Vielfalt ist auch der zahntechnische Hochschulfilm Individuelle Keramik-Mantelkrone I.: Klinische und technische Voraussetzungen aus der Zeit der Deutschen Demokratischen Republik zu finden, der als Auftrag des Institut für Film, Bild und Ton in dem Filmstudio der Charité Berlin gedreht wurde. Der 8 Minuten und 34 Sekunden lange Film führt uns durch den Fertigungsprozess einer Platinmatrize (eine Metallkappe aus Platinfolie), die perfekt an den abgeschliffenen natürlichen Zahn der Patient:in angepasst ist, um eine Grundlage für eine Keramik-Mantelkrone zu schaffen.

Da es sich um einen Lehrfilm für Zahntechniker-Student:innen handelt, spielt es eine zentrale Rolle, die Veranschaulichung dieses kleinen Gegenstands anhand verschiedenen Techniken oder Werkzeuge zu optimieren. Für diesen Objekttext habe ich zwei solcher Werkzeuge ausgewählt: das Werkzeug des Wechsels zwischen der Fokussierung auf das Subjekt (die Platinmatrize und die verwendeten [diesmal im wahrsten Sinne des Wortes] Werkzeuge) und seinen Kontext sowie das Werkzeug der Unterscheidung zwischen Hintergrund und Vordergrund. Beide zeichnen sich durch einen Rhythmus zwischen zwei Kräften aus; die eine ist das Subjekt selbst, die andere seine Umgebung. Wie wir sehen werden, sind beide entscheidend für die Entstehung eines Films, der seinen Inhalt effektiv vermitteln kann.

Abb. 1: Filmstill

Bereits am Anfang des Lehrfilms sehen wir den Mund und das Gebiss einer Patient:in, wo wir die Keramik-Mantelkrone „in action” beobachten können.

Abb. 2: Filmstill

Blick auf den einsatzort der Zahnkrone

II. Werkzeug Nr. 1: Fokus und Kontext

Je näher wir uns auf einen Gegenstand hyper-fokussieren, desto schwieriger ist es, ihn zu wiederkennen, besonders wenn er so klein ist. Diese Schwierigkeit kann jedoch behoben werden, wenn wir regelmäßig einen Schritt zurücktreten und das Subjekt auch in seinem Kontext zeigen. Bereits am Anfang des Lehrfilms sehen wir den Mund und das Gebiss einer Patient:in, wo wir die Keramik-Mantelkrone „in action” beobachten können (Abb. 1). Ebenfalls am Anfang werden die später relevanten Werkzeuge und der Brennofen präsentiert, wobei die erstere schön und ordentlich auf dem monofarbigen gelben Hintergrund (der im nächsten Abschnitt detaillierter behandelt wird) ausgelegt sind. Dadurch, dass uns diese Einstellungen gleich zu Beginn gezeigt werden, erhalten die Zuschauer etwas, worüber sie während des gesamten Films nachdenken können, selbst während der Nahauf-nahmen.

Nachdem wir den Mund in seiner ganzen Pracht gesehen haben und die Zahntechniker:in uns gezeigt hat, wo die künstliche Krone eingesetzt ist, verlagert sich der Fokus auf diesen einzelnen Zahn (Abb. 2). Da wir die Zähne direkt davor in ihrem Zusammenhang gesehen haben, können wir nun den behandelten Zahn erkennen und wissen, wo er sich im Mund befindet. Auch später werden wir oft daran erinnert, wo die sorgfältig erstellte Metallkappe (und damit die Mantelkrone) zu finden ist, denn das Gipsmodell des Gebisses der Patient:in taucht immer wieder auf. Die meisten der Werkzeuge, deren Vielfalt wir in der anfänglichen Präsentation gesehen haben, werden wieder zum Einsatz kommmen, diesmal jedoch in der praktischen Anwendung. Da wir bereits Vorkenntnisse darüber erhalten haben, welche Werkzeuge wir erwarten können, sorgt deren Einsatz für geringere „Überraschung”, und der Fokus kann auf dem eigentlichen Thema bleiben, nämlich der Platinmatrize. Im Gegensatz zu dem Zahn und den Werkzeugen behält der Brennofen sein Enigma viel länger: Zuerst wird er bottom-up, ohne jegliche Erklärung gefilmt; er kommt erst in der vorletzten Minute des Lehrfilms wieder vor. Wenn es endlich soweit ist, dieses Tschechows Gewehr abzufeuern, muss der Ofen nicht neu vorgestellt werden: Nach langer Begeisterung können wir einfach seine weiße Wand und sein rundes Fenster erkennen (Abb. 3).

Dadurch, dass der Kontext zu Beginn vermittelt wird, können sich die Zuschauer ganz auf die kontinuierliche Demonstration der Herstellung der Platinmatrize konzentrieren, ohne beispielsweise durch die Vorstellung der Werkzeuge abgelenkt zu werden. Dies sorgt für eine gewisse „Immersion“ in die ansonsten möglicherweise etwas beengenden Nahaufnahmen.

III. Werkzeug Nr. 2: Hintergrund – Vordergrund

Hintergrund und Vordergrund bestimmen einander gleichzeitig: Das Subjekt kann nur nach vorne drängen, wenn sein Umgebung im Verhältnis dazu nach hinten gezogen wird. Im ganzen Film herrscht der gelbe Hintergrund, der trotz seiner Gleichmäßigkeit seine räumliche Tiefe aufgrund der gelegentlich darauf erscheinenden Schatten bewahrt.

Das volle Senfgelb war eine perfekt zum Lehrfilm geeignete Entscheidung: Der Farbton ist angenehm für die Augen, er ist weder zu hell oder leuchtend noch zu dunkel und damit übertrieben dramatisch und künstlerisch. Ein wertvoller Vorteil von Gelb ist seine relative Ähnlichkeit zum hellen Hautton der demonstrierenden Techniker:in, im Vergleich zu anderen Farben wie beispielsweise Blau oder Grün. Dies ermöglicht, dass die „Bühne”, d.h. der Hintergrund und die Finger der Techniker:in, zusammenschmelzen (Abb. 4) und die „Hauptfiguren”, d.h. die Metallkappe und die Werkzeuge, im Vordergrund vorherrschen. Das beständig präsente Gelb legt nur eine Pause ein, wenn das jeweilige Subjekt selbst den Bildschirm erfüllt, wie etwa die Zähne am Anfang oder der Brennofen gegen den Schluss. Im letzteren Fall geht durch die Bedeckung des gelben Hintergrunds der zuvor so praktische Kontrast zwischen Stumpf und seinem Kontext für ein paar Sekunden verloren; nun steht das Kollektiv des verarbeiteten Gegenstands und des zum Verarbeiten verwendeten Werkzeugs (in diesem Fall des Ofens) im Fokus (Abb. 3).

Neben die Farbe hat die Textur mindestens eine ebenso wichtige Aufgabe. Die Subjekte des Films haben alle erkennbare Texturen: Die Platinmatrize, Pinzette und Schäre glänzen metallisch, der Polierer ist glasartig durchsichtig und das Gipsmodell ist pudrig-matt. Der gelbe Hintergrund dagegen ist frei von jeglicher Oberflächenstruktur, was, wie zuvor, ermöglicht dass er im Hintergrund bleibt und die Gegenstände mit „anregenderen” Strukturen im Fokus hervortreten lässt (Abb. 5).

Hintergrund und Vordergrund haben ein relatives Verhältnis zueinander, denn wie sollte man nach vorne treten, wenn es nichts gibt, von dem aus man treten kann? Es reicht nicht aus, das Subjekt nach vorne zu bringen; man muss auch einen Hintergrund etablieren und eindeutig machen, wo der Unter-schied zwischen beiden zu finden ist. Um diese Wirkung im Film zu erreichen, wurden sowohl Farbe als auch Textur eingesetzt, um den Blick auf das zu lenken, was vermittelt werden soll.

Abb. 3: Filmstill

Ein Blick in den Ofen zum Brennen der Zahnkrone

Abb. 4: Filmstill

Die Subjekte des Films haben alle erkennbare Texturen: Die Platinmatrize, Pinzette und Schäre glänzen metallisch der Polierer ist glasartig durchsichtig und das Gipsmodell ist pudrig-matt.

Abb. 5: Filmstill

Die Gegenstände mit „anregenderen” Strukturen im Fokus.

IV. Fazit

Der Lehrfilm Individuelle Keramik-Mantelkrone — Klinische und technische Voraussetzungen bringt Zahntechnik-Studierenden bei, wie man eine Metallkappe auf der Grundlage eines eigenen Zahns der Patient:in anfertigt, damit die später hinzugefügte Keramikkrone perfekt sitzt. Da das Hauptziel des Films darin besteht, die Bearbeitung so präzise wie möglich zu zeigen, mussten sich die Filmschaffenden überlegen, wie sie dieses sehr kleine Objekt hervorheben können. Durch den Einsatz von Nahaufnahmen, kontextgebenden Totalen, Farben und Texturen wurde dieses Ziel erfolgreich erreicht, während der Lehrfilm übersichtlich und angenehm für das Auge blieb. Auch wenn sich Lehrfilme und Spielfilme aufgrund ihrer unterschiedlichen Prioritäten stark voneinander unterscheiden, streben Filmemacher:innen beider Arten danach, das Zuschauererlebnis zu optimieren; daher kann oder soll man sagen, dass Lehrfilme in der Geschichte der Filmtechnik ebenso wertvoll wie das Mainstream-Kino sind.

THF 1105
Charité-Filmstudio
Institut für Film, Bild und Ton

1982
Buch: R. Bernau und J. Schweinitz
Poliklinik für prothetische Stomatologie
Wissenschaftliche Leitung: R. Bernau
Zahntechnische Arbeiten: D. Ludwig
Ton: D. Grotzke
Grafik: H. Bugiel
Kamera und Gestaltung: B. Steinicke

Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin, IGM-AV-FilmChar-1611
Digitalisiert mit Fördergeldern des DFG-LIS Die Filmsammlung des Charité-Filmstudios: Ein Pilotprojekt zur Zugänglichmachung des wissenschaftlichen Films der DDR (2025-26)

Quellen und Literaturverzeichnis

Charité Universitätsmedizin Berlin: „Bibliothek & Sammlung Medical Humanities (BSMH): Die Bib-liothek und die Wissenschaftliche Sammlung”. <https://medizingeschichte.charite.de/bibliothek_sammlung_medical_humanities>, abgerufen am 25.03.2026.

Charité Universitätsmedizin Berlin: „Sammlungsportal Medizingeschichte Charité”. <https://sammlungsportal.charite.de/viewer/index/>, abgerufen am 25.03.2026.

Alle Bilder stammen vom Film: „Individuelle Keramik-Mantelkrone—Klinische und technische Voraussetzungen” aus der Sammlung der Charité Universitätsmedizin Berlin: IGM-AV-FilmChar-1611