Spiel oder Steuerung? Musikerziehung in der Kinderkrippe der DDR

Text von Belinda Mohren

Der Lehrfilm ,,Musikerziehung in der Kinderkrippe’’ entstand in der DDR als medizinisch-pädagogisches Schulungsmedium für Erzieherinnen. Er sollte zeigen, wie musikalische Früherziehung in der Krippe fachlich korrekt umgesetzt wird und welche Bedeutung Musik für die Entwicklung kleiner Kinder hat. Dabei handelt es sich nicht um eine zufällige Beobachtung des Krippenalltags. Der Film versteht sich vielmehr als Anleitung. Er zeigt eine Praxis, die als richtig, vorbildhaft und übertragbar gilt. Damit ist der Film weniger ein Abbild spontaner Situationen als ein Modell. Er demonstriert, wie Musikerziehung organisiert, angeleitet und begründet werden soll. Gerade dadurch wird es heute zu einem historischen Dokument. In ihm spiegeln sich pädagogische und gesellschaftliche Vorstellungen der DDR über Kindheit, Entwicklung und Gemeinschaft.

Institutioneller Rahmen und Produktionszusammenhang

Die Produktionsangaben finden sich im Abspann des Films und in der zugehörigen Handakte. Der Film wurde als Charité-Film Nr. 411 geführt und im Jahr 1980 in der DDR veröffentlicht. Hergestellt wurde er vom Filmstudio Charité der Humboldt-Universität zu Berlin in Zusammenarbeit mit dem Institut für Hygiene des Kindes- und Jugendalters. Beide Einrichtungen waren eng in die Ausbildung von medizinischem und pädagogischem Fachpersonal eingebunden. Im Abspann wird Prof. Dr. sc. med. A. Sälzler als Direktor genannt. Das Buch verfasste Dr. F. Bachman, der gemeinsam mit Z. Weber auch die wissenschaftliche Leitung übernahm. Auftraggeber der Produktion war die Akademie für ärztliche Fortbildung der DDR beteiligt. Diese institutionelle Einbindung zeigt deutlich, dass der Film nicht nur pädagogisch, sondern auch medizinisch abgesichert war. Frühkindliche Entwicklung erscheint hier als etwas, das wissenschaftlich begleitet und gezielt beeinflusst werden kann. Der Film wurde 1980 in der DDR veröffentlicht. Er entstand zu einer Zeit, in der Kinderkrippen in der DDR längst fester Bestandteil des Systems waren. Die heute verfügbaren Katalogdaten stammen aus der zugehörigen Filmakte der Charité.

Musik als pädagogisches Werkzeug

Im Film sind Kinder im Krippenalter in klar geordneten Gruppenräumen zu sehen. Sie singen, klatschen, bewegen sich im Rhythmus oder probieren einfache Instrumente aus. Die Aktivitäten werden durchgehend von Erzieherinnen angeleitet. Die Szenen wirken ruhig, übersichtlich und strukturiert. Auffällig ist die starke Präsenz der Erzieherin. Die Kamera zeigt immer wieder ihre leitende Rolle. Spontane oder eigenständige Initiativen der Kinder treten in den Hintergrund. Stattdessen steht die pädagogische Steuerung im Mittelpunkt.

Häufig sitzen oder stehen die Kinder im Kreis. Diese Anordnung betont das Gemeinsame und sorgt für Synchronität. Gleichzeitig richtet sich die Aufmerksamkeit auf eine zentrale Person, die den Ablauf vorgibt. Musik wird somit zu einem Mittel, dass individuelles Verhalten in gemeinsame Abläufe einbindet. Sie strukturiert Zeit, ordnet Bewegungen und schafft Verlässlichkeit im Gruppenalltag. Im Film wird Musik sowohl als entwicklungsfördernd als auch als ordnend dargestellt. Singen soll die Sprache unterstützen, rhythmische Bewegungen fördern, Motorik und Koordination fördern. Gleichzeitig sorgt Musik für Disziplin und Gleichförmigkeit. Die Erzieherin beginnt ein Lied oder gibt ein Zeichen vor und die Kinder folgen.

Frühkindliche Erziehung im politischen Kontext

Diese Form der frühen Musikerziehung lässt sich nicht losgelöst vom politischen Kontext betrachten. In der DDR waren Kinderkrippen wichtige Orte staatlicher Erziehung. Wie Agathe Israel beschreibt, war frühe Kindheit stark institutionell geprägt. Ziel war es, gemeinschaftsfähige und regelorientierte Persönlichkeiten zu formen (3). Im Film zeigt sich dieses Verständnis deutlich. Kinder erscheinen als entwicklungsbedürftig und formbar. Ihre Aktivitäten sind eng an Anleitung gebunden. Musikerziehung dient nicht nur der Förderung einzelner Fähigkeiten, sondern auch der Einbindung in die Gruppe. Entwicklung wird als etwas verstanden, das durch gezielte Maßnahmen gelenkt werden kann.

Filmstill 01:58 min: Das Baden des Säuglings wird von der Erzieherin singend begleitet.

Filmstill 11:23 min: Erzieherin gibt ein Zeichen.Kinder führen gleichzeitig eine Bewegung aus.

Filmstill 13:04 min: Ein Kind tritt nach vorne und spielt ein Instrument.

Altersbezogene Ordnung musikalischer Förderung

Der Film folgt einer klaren Altersgliederung, wie sie auch in der Filmakte beschrieben wird. Die dargestellten Szenen zeigen eine schrittweise Ausweitung musikalischer Aktivitäten vom 3 Säuglingsalter bis zum dritten Lebensjahr. Im ersten Lebensjahr wird Musik vor allem in Pflegesituationen eingebunden. Begrüßung, Baden oder Einschlafen werden singend begleitet. Musik dient hier der emotionalen Regulation und der Strukturierung des Alltags. Das Kind reagiert auf musikalische Reize, ohne selbst aktiv zu werden. Die Erzieherin übernimmt die vollständig steuernde Rolle. (Bild 4) Im zweiten Lebensjahr treten Bewegung und Nachahmung stärker in den Vordergrund. Die Kinder tanzen, bilden Kreise und probieren Instrumente aus. Musik verbindet sich nun mit Bewegung und Umweltwahrnehmung. Trotz wachsender Aktivität bleibt der Ablauf klar gesteuert. (Bild 5) Im dritten Lebensjahr erweitert sich die musikalische Praxis. Einzelne Kinder dürfen nach vorne treten und ein Instrument spielen oder allein singen. Auch hier bleibt die Situation eingebettet in einen festen Rahmen. Gemeinschaft und Synchronität stehen weiterhin im Vordergrund. (Bild 6)

Der Lehrfilm zeigt Musik als festen Bestandteil frühkindlicher Erziehung in der DDR. Musik wird nicht als freies Ausdruck verstanden, sondern als pädagogisches Mittel zur Ordnung, Strukturierung und sozialen Einbindung. Der Film vermittelt ein Bild von Kindheit, in dem Entwicklung als planbar gilt und Gemeinschaft wichtiger ist als Individualität. Der Film macht deutlich, wie pädagogische Praxis, wissenschaftliche Begründung und staatliche Vorstellungen von Erziehung miteinander verbunden waren. Gerade deshalb ist der Lehrfilm ,,Musikerziehung in der Kinderkrippe’’ heute nicht nur ein Lehrfilm, sondern ein aufschlussreiches Zeitdokument.

AFÄF 0727-17, Charité-Film Nr. 411
Charité-Filmstudio

Akademie für Ärztliche Fortbildung (AFÄF)

1981
Regie: J. Schweinitz
Wissenschaftliche Leitung: Bachmann
Ton: D. Grotzke
Grafik: H. Bugiel
Kamera und Gestaltung: B. Steinicke

Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin, IGM-AV-Char-Filmverz-796

Digitalisiert im Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität zu Berlin 2023

Quellen- und Literaturverzeichnis

Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin:
Filmakte zu dem Charité-Film 411: Musikerziehung in der Kinderkrippe: IGM-S-Char-FilmAkte-411
Musikerziehung in der Kinderkrippe. Medizinisch-pädagogischer Lehrfilm (DDR), Charité-Film Nr. 411: IGM-AV-Char-Filmverz-796

(1) Agathe Israel (2008): Krippenerziehung in der DDR – Frühe Kindheit in der staatlichen Institution https://www.kita-fachtexte.de/fileadmin/Redaktion/Publikationen/KiTaFTIsrael_DDR_2015.pdf