Röntgenkinematographische Analysen der Artikulationsbewegung

Text von Lucia Mandana Heidemann

Einleitende Grundbeschreibung

Der Film mit „THF 826“ (kurz für Ton-Hochschulfilm) „Röntgenkinematographische Analysen der Artikulationsbewegung" ist Teil der Berliner Sammlung historischer Lehr- und Forschungsfilme der Charité am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, als auch in dem Medienarchiv der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW). Lehr- und Forschungsfilme wurden über einen Zeitraum hinweg von 1950 bis 1990 in der DDR produziert und genutzt. Lehr- und Forschungsfilme waren mediale Arbeitsinstrumente, die zumeist über mehrere Jahrzehnte hinweg kontinuierlich im medizinisch-wissenschaftlichen Kontext eingesetzt wurden.

Inhaltlich befasst sich der Film „THF 826“ mit der röntgenkinematographischen Untersuchung von Artikulationsbewegungen, wie der Titel bereits klar vorgibt. Dabei wird der Fokus auf die Gegenüberstellung von Sprechen und Singen gelegt. Beides wird zunächst demonstrierend erklärt und danach mit Hilfe filmischer Mittel vertiefend analysiert.

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Feministischer Ansatz

Der Film wird von einer Frau eingeleitet, welche beginnt die Abläufe des Singens und Sprechens durch den Gebrauch ihrer Sprech- und Gesangsstimme zu demonstrieren. Auffällig ist dabei, dass im Film eine stereotypisch attraktive Frau quasi als Medium der körperlichen Darstellung eingesetzt wird, wohingegen ein männliche „Erklärer“ die Erzählerrolle im Voice-over übernimmt.

Mediale Darstellung

Durch bewegte Röntgenaufnahmen werden die Abläufe der Sprechbewegung sichtbar gemacht, insbesondere die Positionen und Bewegungen von Zunge und Kiefer. Dabei gehen Aufnahmen der Frau über in die „Übersetzung“ als Röntgenaufnahme und am Ende des Videos wieder zurück zur Frau.

Obwohl die Röntgenaufnahmen reale Bewegungen zeigen können, sind sie mitunter nur schwer „lesbar" für das ungeschulte Auge. Röntgenbilder zeigen in diesem Film schön die physiologischen Vorgänge, welche jedoch sehr abstrakt und ohne Vorwissen nur schwer zu interpretieren sind. Schließlich gelingt es im Film durch den Einsatz von grafischen Animationen, diese komplexen Prozesse zu vereinfachen und zu abstrahieren. In gewisser Weise stellt der Film dadurch auch die Grenzen des Röntgenbildes unbeabsichtigt dar.

Das Ziel dieser filmischen Aufzeichnungen darin bestand, die physiologischen Prozesse zu analysieren, zu dokumentieren und für Forschung und Lehre zugänglich zu machen. Der Film wurde über 31 Jahre als Lehrfilm genutzt. Woraus ich schließe, dass der Film gut in der medizinischen Ausbildung, wie auch im Hochschulunterricht der DDR nutzbar war. Diese ungewöhnlich lange Nutzungsdauer deutet also darauf hin, dass er als dauerhaftes wissenschaftliches Instrument anwendbar war.

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Visuelle Gestaltung und Funktion

Die Bildgestaltung ist funktional, der Fokus liegt auf der präzisen Darstellung von Sprach- und Singbewegungen, ohne besondere ästhetische Inszenierung. Kommentierende oder erklärende Elemente sind sachlich und nüchtern gehalten. Dies ist ein recht zeittypischer Umgang im Medium des Lehr- und Forschungsfilms. Der Film erhebt dabei den Anspruch, eine möglichst unverfälschte Darstellung physiologischer Realität zu liefern. Dies wird durch die Nutzung von Röntgenaufnahmen unterstützt, welche die Bilder zur Stimme der Frau liefern und dabei von der männlichen Stimme erklärt werden. Obwohl die Artikulationsbewegungen normalerweise nicht sichtbar wären, werden sie auf diese Weise genau abgebildet.

In ihren frühen Entstehungsjahren war die Röntgenkinematographie ein innovatives Verfahren, das neue Einblicke in dynamische Körperprozesse ermöglichte. Der Film dokumentiert somit nicht nur einen Forschungsgegenstand, sondern auch den zeittypischen Stand medizinischer Lehr- und Forschungspraxis.

Medizinischer Lehrfilm im Kontext

Die Mitarbeiter des Filmstudios der Charité Manfred Boy, Heinz Lühmann und Jürgen Schweinitz beschreiben 1961 in „Foto- und Filmtechnik in der Medizin" (Fotokinoverlag Halle) die Produktion von medizinischen Lehr- und Forschungsfilmen. Sie bestimmen diese Filme nicht als abgeschlossene Werke, sondern als Mittel um wissenschaftliche Praxis zu visualisieren. Die Autoren erläutern die Wichtigkeit der bildlichen Gestaltung eines Films im Lehrkontext unter der Unterüberschrift „Lehrmittel im Studienbereich“, mit dem Satz: „In vielen Fällen ist es für den Lehrbetrieb angebracht, einen in den Totalen (Übersicht) gezeigten Vorgang noch einmal in Nah- und Großaufnahmen aufgelöst zu wiederholen.“ Die Wichtigkeit der Nah- und Großaufnahmen zur Vertiefung entspricht für mich der Darstellung der Röntgenaufnahmen und Animation in diesem Film. Die Autoren betonen, welchen Wert das bewegte Bild in der Forschung und zur „Weiterentwicklung der medizinischen Wissenschaft“ hat.

Bezug zu der Gegenwart: wissenschaftlicher Stand zur Röntgenstrahlung

Aus heutiger Perspektive wird deutlich, dass der Einsatz von Röntgenstrahlung zur Analyse von Artikulationsbewegungen mit Risiken verbunden war, die damals anders bewertet wurden als heute. Bei einer Röntgenaufnahme sehen dichte Strukturen wie Knochen hell aus, während weniger dichte Gewebe wie Muskeln- oder Lungengewebe dunkel sind. Allerdings schädigen sie die undichten Gewebe stärker als die dichten. Heute gibt es weniger invasive Röntgentechniken. Bei dem Film handelt es sich genau genommen nicht um eine Röntgenaufnahme, sondern um eine Röntgendurchleuchtung. Der Unterschied dabei ist, dass die Röntgenaufnahme, wie auch schon im Namen gegeben nur eine einzelne Momentaufnahme ist, während die Röntgendurchleuchtung sich aus einer Bilderreihe formt und dadurch eine längere Dauer der Strahlenauswirkung zulässt. Heute wird deswegen die Strahlendosis minimiert, oder, wenn möglich, werden Alternativen wie Ultraschall oder Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt.

Mittlerweile hält man sich an die sogenannte „effektive Dosis“. Laut Bundesamt für Strahlenschutz berücksichtigt diese Größe, dass verschiedene Organe und Gewebe unterschiedlich empfindlich auf Strahlung reagieren, insbesondere in Bezug auf strahlenbedingte Krebserkrankungen oder genetische Schäden. Durch technische Weiterentwicklungen und optimierte Anwendungen in der Medizin konnte die Strahlenexposition von Patientinnen und Patienten im Laufe der Zeit deutlich reduziert werden. Dabei werden einzelne Verfahren oder Schutzmittel, sofern sie nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik keinen ausreichenden Nutzen mehr bieten oder sogar nachteilig sein können, neu bewertet und gegebenenfalls nicht weiter empfohlen. Der Film ist daher auch eine Darstellung zeitgenössischer medizinischer Ethik und Risikoeinschätzung.

Herkunft und aktuelle Archivierung, Von wissenschaftlichem Forschungsinstrument zur historischen Quelle

Als fortgeschrittene medizinische Einrichtung war die Charité in Ost-Berlin ein zentraler Ort der Forschung und Lehre, an dem audio-visuelle Medien gezielt zur Wissensproduktion hergestellt und eingesetzt wurden. In der Nachkriegszeit gab es einen starken Ausbau im Lehrfilm-Bereich. Der Film „THF 826“ war ein Teil dieser Praxis und verdeutlicht, wie Film als technisches Hilfsmittel in den medizinischen Alltag integriert wurde.

Heute wird der Film in der Sammlung Medical Humanities und dem Medienarchiv der HTW verwahrt. Seit 2006 befindet sich das Medienarchiv der HTW in Kellerräumen am Campus Berlin Oberschöneweide. Allerdings müssten zur Optimierungen einer langfristigen Sicherung die klimatischen Bedingungen angepasst werden. Denn der Erhalt des analogen Filmmaterials stellt aufgrund von chemischen Alterungsprozessen eine besondere Herausforderung dar. Eine archivische Erschließung, Katalogisierung und Digitalisierung erfolgte in der Sammlung Medical Humanities der Charité, wodurch der Film dort für Forschung und Lehre zugänglich ist.

Grundsätzlich ist der Film nicht mehr primär aufgrund seines unmittelbaren wissenschaftlichen Nutzens von Bedeutung, sondern als medien- und medizinhistorische Quelle. Er erlaubt Einblicke in die Geschichte der Medizin, der Medientechnik und der wissenschaftlichen Visualisierung. Gleichzeitig kann er als Ausgangspunkt für wissenschaftshistorische und kulturwissenschaftliche Fragen nach dem Verhältnis von Körper, Technik und Wissen dienen. Die Archivierung bewahrt somit nicht nur den materiellen Filmträger, sondern in gewisser Weise auch die mit ihm verbundenen historischen Praktiken.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich der Film „THF 826“ mit dem Titel „Röntgenkinematographische Analysen der Artikulationsbewegung“ als ein komplexes Objekt beschreiben, das mehrere Bedeutungsebenen vereint. Er ist medizinisches Lehr- und Forschungsmedium, technisches Artefakt und historische Quelle zugleich.

THF-826, Charité-Film Nr. 346
Charité-Filmstudio

Institut für Film, Bild und Ton

1977
Buch: G. Lindner, J. Schweinitz
Wissenschaftliche Leitung: G. Lindner, G. Dickson, F. Eckardt
Sektion Rehabilitationspädagogik und Kommunikationswissenschaft und Abteilung für kardio - vaskuläre Diagnostik

Redaktion: I. Fischer
Ton: D. Grotzke
Grafik: H. Bugiel
Kamera und Gestaltung: J. Schweinitz

Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Charité - Universitätsmedizin Berlin, IGM-AV-Char-Filmverz-73

Digitalisiert im Computer- und Medienservice der Humboldt-Universität zu Berlin 2023

Quellen- und Literaturverzeichnis

(1) Boy, M., Lühmann, H., & Schweinitz, J. (1961). Foto- und Filmtechnik in der Medizin : mit Tabellen / Manfred Boy ; Heinz Lühmann ; Jürgen Schweinitz. Fotokinoverl. Halle.

Röntgenkinematographische Analysen der Artikulationsbewegungen (THF 826), 1977, Charité-Filmstudio
Sammlung Medical Humanities, Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité - Universitätsmedizin Berlin: IGM-AV-Char-Filmverz-73

Hochschule für Technik und Wirtschaft - Medienarchiv - Sicherung, Erschliessung und Nutzbarmachung: https://krg.htw-berlin.de/studium/studienschwerpunkte/audiovisuelles-und-fotografisches-kulturgut-moderne-medien-avf/

Bundesamt für Strahlenschutz:
https://www.bfs.de/SharedDocs/Downloads/BfS/DE/broschueren/ion/stko-roentgen.pdf?__blob=publicationFile&v=2
https://www.bfs.de/SharedDocs/Downloads/BfS/DE/fachinfo/ion-bevomed/aktionsschwellen-radiopharmaka.pdf?__blob=publicationFile&v=1