Mehr als Musik? Das Sinfonieorchester als Modell für Gemeinschaft in der DDR

Text von: Belinda Mohren

Entstehung und Produktionskontext

Der Lehrfilm ,,Das Sinfonieorchester’’ entstand 1974 in der DDR und wurde von der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften produziert. Er ist unter der Aktennummer T-F 964 verzeichnet und war gezielt für den schulischen Einsatz vorgesehen. (Bild 1) Wie viele Unterrichtsfilme dieser Zeit wurde er auf 16-mm-Film produziert und liegt heute als Digitalisat vor. Die Regie übernahm Dr. Gottfried Kolditz aus Berlin. Ein Kameramann wird im Material nicht namentlich genannt, jedoch wird die Kameraarbeit in der Entwicklungsakte ausführlich beschrieben und besonders hervorgehoben. Lehrfilme sollten Inhalte nicht nur vermitteln, sondern sie strukturieren und für alle Schüler und Schülerinnen zugänglich machen. Gleichzeitig waren sie Teil eines zentralen organisierten Bildungssystems, das neben Wissen auch kulturelle Werte transportierte. Der Film richtet sich insbesondere an Schüler und Schülerinnen einer polytechnischen Oberschule und wurde für den Musikunterricht der

5. und 6. Klasse entwickelt. Ziel war es, das Sinfonieorchester nicht nur theoretisch zu erklären, sondern es visuell und akustisch erfahrbar zu machen.

Ein Blick ins Orchester

Im Zentrum des Films steht der Aufbau eines Sinfonieorchesters. Es werden schrittweise die einzelnen Instrumentengruppen vorgestellt, von den Streichern über die Bläser bis hin zum Schlagwerk. Dabei beschränkt sich der Film nicht auf eine bloße Aufzählung, sondern zeigt zugleich die jeweilige Funktion der Instrumente im Zusammenspiel. Besonders deutlich wird dies durch die filmische Umsetzung. Die Kamera wechselt gezielt zwischen den Gesamtaufnahmen des Orchesters und den Nahaufnahmen einzelner Instrumente. Auf diese Weise wird sichtbar und hörbar, wie sich der Gesamtklang aus vielen einzelnen Stimmen zusammensetzt. Einzelne Instrumente treten hervor, werden isoliert wahrnehmbar gemacht und gehen anschließend wieder im Gesamtklang auf.

Bild 1: Das Beiheft ( Foto: Belinda Mohren)

Filmstill 2:49 min: Die Musiker sitzen nach Instrumentengruppen geordnet und spielen gemeinsam.

Filmstill 17:50: Der Dirigenten leitet mit erhobenem Arm das Orchester. Die Musiker folgen aufmerksam seinen Bewegungen und spielen im Zusammenspiel.

Die Rolle der Kamera

Eine zentrale Rolle übernimmt dabei die Kameraführung. Sie ist nicht nur Mittel der Darstellung, sondern erfüllt eine klare didaktische Funktion. Durch gezielte Nahaufnahmen werden Details der Spielweise sichtbar gemacht, während die Gesamtaufnahme das Zusammenspiel im Orchester erfasst. (Bild 2) Diese Wechsel zwischen Nähe und Distanz sind bewusst gesetzt und unterstützen das Verständnis der Zuschauer. Sie ermöglichen es, einzelne Klänge visuell zuzuordnen und ihren Platz im Gesamtgefüge zu erkennen. Unterstützt wird die visuelle Darstellung durch einen männlichen Sprecher, der den Film begleitet und die gezeigten Inhalte einordnet. Auf diese Weise entsteht eine nachvollziehbare Vermittlung musikalischer Zusammenhänge.

Musikunterricht im Kontext der DDR

Um den Film einordnen zu können, ist ein Blick auf den bildungspolitischen Kontext der DDR notwendig. Schule hatte hier nicht nur die Aufgabe, Wissen zu vermitteln, sondern auch kulturelle und gesellschaftliche Werte zu prägen. Allmendinger und Hackman zeigen, dass kulturelle Institutionen wie das Sinfonieorchester in der DDR eng in gesellschaftliche Strukturen eingebunden waren und neben künstlerischen auch soziale Funktionen erfüllten.1 1 („Organizations in Changing Environments: The Case Of East German Symphony Orchestras“, 1996, S.13)

Dabei spielte besonders das Modell des Zusammenhalts und der abgestimmten Zusammenarbeit eine zentrale Rolle. In der DDR galt kollektives Handeln als grundlegendes gesellschaftliches Ideal, das in vielen Bereichen, auch im Bildungssystem, vermittelt werden sollte. Ein Orchester eignet sich besonders, um dieses Prinzip anschaulich darzustellen. Viele Einzelne arbeiten koordiniert zusammen und ordnen sich in einem gemeinsamen Ziel unter. Außerdem nahm Musik eine besondere Stellung ein, insbesondere klassische Musik, die als kulturell bedeutsam galt. In diesem Zusammenhang erscheint das Sinfonieorchester nicht nur als musikalisches Beispiel, sondern auch als Modell für gemeinschaftliches Arbeiten. Das Zusammenspiel vieler Musiker unter der Leitung eines Dirigenten verdeutlicht Prinzipien wie Abstimmung, Disziplin und Zusammenarbeit. (Bild 3) Allmendinger und Hackman betonen, dass solche Organisationsformen auch über den musikalischen Bereich hinaus als Beispiele kollektiver Koordination verstanden werden können.2 Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass der Film weit über eine bloße Einführung in den Aufbau eines Orchesters hinausgeht. Zwar vermittelt er grundlegende Kenntnisse über Instrumente, Klang und Zusammenspiel, zugleich entwirft er aber auch ein bestimmtes Bild davon, wie Zusammenarbeit funktioniert. Das Orchester erscheint dabei als geordnetes System, in dem viele Einzelne aufeinander abgestimmt sind und gemeinsam ein funktionierendes Ganzes bilden. Diese Darstellung entspricht den Bildungszielen der DDR, in denen Struktur, Abstimmung und kollektives Handeln eine zentrale Rolle spielten. Der Film war gezielt als Unterrichtsmittel konzipiert, um Lehrkräfte bei der Vermittlung musikalischer Inhalte zu unterstützen. Er wurde aufgrund seiner technischen Qualität jedoch auch für ein breiteres Publikum, etwa im Fernsehen, empfohlen. So erklärt der Film nicht nur musikalische Grundlagen, sondern veranschaulicht zugleich Prinzipien des Zusammenspiels und der Organisation. Damit wird sichtbar, wie eng Wissensvermittlung und gesellschaftliche Vorstellungen miteinander verknüpft sein konnten und dass Musik in der DDR nicht nur künstlerische Zwecke erfüllte, sondern auch als Medium zur Förderung von Gemeinschaft und koordiniertem Handeln diente.

Aktennummer T-F 964
Akademie der Pädagogischen Wissenschaften (APW)

1974
Regie: Dr. Gottfried Kolditz

Signatur: IU FILM T-F 964
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF)
Inventarnummer XXX

Digitalisiert mit Fördergeldern des XX