Von physische Distanz bestimmte Körpertechniken in einer verteilten Stadt
Text von Abigél Szilas
Das sowohl als Stadt- als auch als Staatsarchiv fungierende Landesarchiv Berlin verwahrt „die schriftliche Überlieferung der historischen Stadtverwaltungen, der Senats- und Bezirksverwaltungen, der Gerichte und öffentlichen Einrichtungen des Landes” (1) in Form vielfältiger Quellen, darunter Ansichten, Fotografien, Ton- und Filmdokumente sowie Karten. (2) Die umfangreiche multimediale Sammlung des Archivs ermöglicht Forschenden und anderen Besuchern einen authentischen Einblick in die Wirtschafts-, Verwaltungs- und Kulturgeschichte Deutschlands und insbesondere Berlins vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Unter diesen zahlreichen Beständen kann sich das Archiv seit 2011 auch mit mehreren Dokumenten rühmen, die in das von der Erziehungs-, Wissenschafts- und Kulturorgani-sation der Vereinten Nationen (UNESCO) gegründete Programm „Memory of the World” aufgenommen wurden. Eines davon ist der Film Die Berliner Mauer aus dem Jahr 1961, der damit Teil des dokumentierten, kollektiven Erbes der Menschheit wurde. (3)
I. Die Mauer
Ein 23 Minuten und 26 Sekunden langes Fragment des fast 45 Stunden langen, stummen Original-filmmaterials (4) ist öffentlich zugänglich in den „UNESCO Video & Sound Collections”. Es setzt sich aus dokumentarischen Filmsequenzen, einige (gelungene) Fluchtversuche in den Westen, fortschrei-tenden Bauarbeiten an der Mauer sowie die tiefgreifenden Veränderungen im Alltag der Berli-ner:innen zeigen.
Ab 1961 wurde den Bewohner:innen zunehmend die Möglichkeit genommen, bestimmte Bereiche ihrer Stadt als Teil ihres eigenen Lebensraums wahrzunehmen. Auch davor existierte die Unterscheidung zwischen Ost- und Westberliner:innen, doch der Kontrast zwischen den jeweiligen Regierungen und ihren Ideologien wurde nun durch eine sicht- und spürbare physische Trennung ergänzt. Dies brachte erwartungsgemäß zahlreiche Veränderungen mit sich, unter anderem eine veränderte Art und Weise, wie sich die Menschen körperlich auf die neue Barriere einstellen mussten. Von einem Tag auf den anderen, viele können plötzlich ihre Geliebten nicht mehr umarmen, ihnen in die Augen schauen, und man muss auf einen Hocker steigen um auf die andere Straßenseite blicken zu können. Die Mauer stellte eine radikale Demonstration von Kontrolle dar: Sie veränderte nicht nur die offiziellen Grenzen der Stadt, sondern auch die Grenzen zwischen und um die Körper der Menschen.

Abb.1: Ein Abschnitt der Mauer, auf der Seite der Kamera junge Zivilisten, auf der anderen Seite Grenzsoldaten. (Timestamp 04:16)

Abb.2: Sich unterhaltende Freundinnen auf beiden Seiten der Mauer. (Timestamp 04:33)
II. Changing lives, changing bodies
Ein Beispiel hierfür zeigt die Sequenz 04:16–04:31. Wir sehen die niedrige Mauer mit jungen Menschen auf der Seite der Kamera und Grenzsoldaten auf der anderen Seite (Abb. 1.). Die Gegenüberstellung bewaffneter Offiziere und junger Zivilisten wird durch die physische Trennung zusätzlich verstärkt. Die Soldaten, die mit ihren Gewehren ohnehin eine einschüchternde Wirkung haben, werden unantastbar; der Mensch unter der Uniform ist jetzt noch schwerer zu erkennen, die hierarchische Distanz zwischen Militär und Zivilbevölkerung scheint gewachsen zu sein.
Die Spaltung erhält einen anderen Charakter, wenn sie sich zwischen zwei Freundinnen stattfindet: In der Sequenz 04:33–04:44 sehen wir zwei junge Frauen, die sich angeregt unterhalten und miteinander lachen. Die hüfthohe Mauer dient beinahe als Kaffeetisch: Sie stützen sich mit den Ellbogen darauf, benutzen sie zum Gestikulieren, indem sie z.B. auf sie klatschen oder ihre Hände darauf abstützen (Abb. 2.). Die Präsenz der Mauer scheint fast zu verschwinden, obwohl sie die Interaktion eindeutig beeinflusst; sie ist zu einem Requisit der Verabredung domestiziert worden.
In der Krise versuchen wir, unsere Normalität beizubehalten, selbst wenn zwischen ihnen eine lange Strecke aus Ziegelsteinen liegt. Beim Begrüßen oder Verabschieden reichen Worte oft nicht aus, so dass das Winken ein seltsames Rampenlicht erhält, als einzig mögliche, distanzierte Alternative zu Händedruck, Umarmung oder Kuss. In den Sequenzen 09:28–09:49 (Abb. 3.) und 14:03–14:53 winken Frauen jemandem auf der anderen Seite der Mauer zu, sie erweitern sogar die Wirkung ihrer Hände mit Taschentüchern. Im Gegensatz zur Szene mit den beiden Mädchen ist die höhere Mauer mit einem breiteren Streifen herum nicht zu übersehen. Dennoch finden die Stadtbewohner Wege, durch veränderte Gesten auszudrücken, was sie fühlen und mitteilen wollen.
Auch in den Sequenzen 13:11-14:02 sowie 14:03-14:53 wird deutlich, wie sich der Körper an die Präsenz der Mauer anpassen muss. Menschen stellen sich auf Hocker (Abb. 4.) oder Leitern, um überhaupt noch auf die andere Straßenseite blicken zu können. Die gewünschte Wahrnehmung der eigenen Stadt wirkt dadurch unbeholfen und beinahe indiskret: Der Versuch, nur wenige Meter weiter zu sehen, wird zu einer überdeutlichen, fast unhöflichen Geste.

Abb.3: Zwei Frauen und ein Kind, die zur anderen Seite der Mauer winken. (Timestamp 09:47)

Abb.4: Westberliner, die über die Mauer auf Plakate in Ostberlin blicken, darunter ein Kameramann auf einem Hocker. (Timestamp 13:19)
III. Fazit
Berlin erlebte im 20. Jahrhundert zahlreiche Ereignisse mit langfristigen Auswirkungen, doch die Berliner Mauer war vielleicht eines der seltsamsten: Die Absurdität der Situation, langsam von der einen Hälfte der eigenen Heimatstadt abgeriegelt zu werden, dämmert den „Charakteren” des Films, unsicher, was man überhaupt tun könnte. Die wachsende politische Spaltung wurde plötzlich durch eine physische Barriere veranschaulicht, die nicht nur das Leben, sondern auch die Körper der Berliner:innen betraf. Diese Körper passten sich kreativ an das neue Hindernis an, ähnlich wie man es nach dem Verlust eines Gliedes tun muss. Bewegungen wurden nach oben verlängert, alternative Gesten wurden verwendet und Hilfsmittel wurden eingesetzt, um das neu entstandene kollektive Handicap zu überwinden.
Die Berliner Mauer ist ein Film, der nicht aus der allwissenden Perspektive des 21. Jahrhunderts auf die Vergangenheit blickt, sondern die allmählich entstehende Merkwürdigkeit der Mauererrichtung und die Unbeholfenheit der Menschen dokumentiert, die ihr Leben dennoch auf die eine oder andere Weise fortzusetzen versuchen. Diese schlichte Dokumentation des neuen Alltags macht die feinen körperlichen und sozialen Anpassungen sichtbar, die von tiefgreifenden Veränderungen in Leben und Psyche erzählen. Zeitgenössische Werke wie dieses sind für ein hermeneutisches Verständnis der Vergangenheit unverzichtbar, da sie zeigen, wie normal selbst das Absurde erscheinen kann, wenn Kopf und Körper gezwungen sind, sich dem Wahnsinn anzupassen.
Quellen
(1) Prospekt des Landesarchivs Berlin: Willkommen im Landesarchiv Berlin. Berlin 2017, S. 1.
(2) Landesarchiv Berlin: „Beständegruppen”. <https://landesarchiv-berlin.de/kurzuebersichten>, abgeru-fen am 16.03.2026.
(3) Prospekt des Landesarchivs Berlin: 32 Minuten „Memory of the World”. Berlin, S. 1.
(4) VE-Details zum Film vom Landesarchiv Berlin, 06.10.2025, S. 2.
Landesarchiv Berlin: „Beständegruppen”. <https://landesarchiv-berlin.de/kurzuebersichten>, abgeru-fen am 16.03.2026.
Prospekt des Landesarchivs Berlin: 32 Minuten „Memory of the World”. Berlin.
Prospekt des Landesarchivs Berlin: Willkommen im Landesarchiv Berlin. Berlin 2017.
VE-Details zum Film vom Landesarchiv Berlin, 06.10.2025.
18.08.1961
23min (Gesamtlaufzeit: 140 min)
Kamera: Hans Jaehner
Landesarchiv Berlin
Digitalisat: Link
Digitalisiert: German National Commission for UNESCO; State Archive of Berlin