Alisa Limorenko
Die öffentliche Debatte ĂŒber diskriminierende Sprache hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur an Bedeutung gewonnen, sondern sich auch erheblich gewandelt. Bereits 2010 fand in Berlin eine Podiumsdiskussion zum Thema âDas sagt man nicht â diskriminierende Sprache in Politik, Medien und Alltagâ1 statt, auf der Kulturschaffende Strategien im Umgang mit rassistischen Begriffen diskutierten. Die von Michel Friedman moderierte Veranstaltung war Teil der Reihe âPlaying in the Dark â Die Rassismusfalleâ.
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Archiv Werkstatt der Kulturen â Migrationsrat Berlin, WdK129D, Playing in the Dark â Die Rassismusfalle, 2010, ohne Bl. â©ïžïžïž
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Im Nachgang entbrannte eine Kontroverse um einen DER SPIEGEL-Artikel, der unter dem Titel âNprinzessin*â1 am 19.12.2010 (Heft 51/2010) ĂŒber die Veranstaltung berichtete und wegen seiner rassistischen Formulierung, irrefĂŒhrenden Darstellung und antisemitisch konnotierten Bildsprache von den Beteiligten und Aktivist*innen kritisiert wurde. Wie den archivierten E-Mails zu entnehmen ist, artikulierten sie ihre Kritik und Emotionen in unmittelbarer Reaktion auf den Medienbericht.
In einer dieser E-Mails heiĂt es:
âDer Artikel verquickt antisemitische Bilder mit Antischwarzem Rassismus in einer Weise, wie es in den Jahrzehnten vor dem Civil Rights Movement in den USA gerne einmal vorkam. In dem Scheuermann gleichzeitig sowohl den personellen als auch den inhaltlichen Kontext ausblendet, in dem Michel Friedman auftrat, diskreditiert er nicht nur Friedmans Arbeit, sondern ganz nebenbei auch die Bearbeitung des Themas âDeutschland und seine Rassismenâ.
Will sagen: Ich denke nicht, dass der Spiegel â gĂ€nzlich unwissend â Antischwarzen Rassismus (wie zu besten Tarzan- und Daktari-Zeiten) als Hintergrundrauschen billigend in Kauf genommen hat, um eine miese Personality-Story schreiben zu können.
M.E. geht es bei dieser Form der öffentlichen Beleidigung immer auch darum, all diejenigen, die tagtĂ€glich ganz selbstverstĂ€ndlich âgeĂ€ndertâ werden, auf die PlĂ€tze zu verweisen â vor Allem dann, wenn sie community ĂŒbergreifend en groupe auftreten.â2
Strategien im Umgang mit rassistischer Sprache (Panel 2010)
Die am 15. Dezember 2010 auf dem Podium versammelten Kulturschaffenden und Intellektuellen â darunter Nadja Ofuatey-Alazard (Filmemacherin), Elizabeth Blonzen (Schauspielerin und Drehbuchautorin), Shermin Langhoff (Theaterleiterin), Imran Ayata (Autor) und Michel Friedman (Moderator) â vertraten unterschiedliche marginalisierte Positionierungen und professionelle Expertisen.
Dabei ging es etwa um Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf, insbesondere um die Verwendung des kolonialrassistischen Begriffs âNprinzessinâ3. Die Panelistinnen sprachen sich mehrheitlich nicht fĂŒr ein pauschales Streichen solcher Begriffe aus, sondern plĂ€dierten fĂŒr eine Kontextualisierung, besonders im Umgang mit Kinderliteratur. Die VideokĂŒnstlerin Masayo Kajimura etwa betonte, Kinder seien durchaus in der Lage, WidersprĂŒche und Ambivalenzen zu verarbeiten, wenn eine Einordnung durch Erwachsene erfolge.
Damit meinte Kajimura, dass Kinder, wenn Erwachsene den Begriff historisch und politisch kontextualisieren, in der Lage sind, ihn als Ausdruck kolonialer KontinuitĂ€ten zu erkennen. Der problematische Ausdruck âN*prinzessinâ kann so nicht einfach als âharmlose Kinderspracheâ stehenbleiben, sondern wird Teil einer didaktischen Auseinandersetzung ĂŒber koloniale KontinuitĂ€ten in Literatur und Sprache.
Shermin Langhoff forderte eine differenzierte Perspektive auf Prozesse der Aneignung diskriminierender Sprache. Sie verwies auf die antirassistisch-postmigrantische Aktionsgruppe Kanak Attak4, die den ursprĂŒnglich abwertenden Begriff âKanakeâ Ende der 1990er-Jahre strategisch umgedeutet hatte, um ihn sich in einem Akt der migrantischen SelbstermĂ€chtigung zu eigen zu machen. Dies sei ein Beispiel dafĂŒr, wie sich Fremdzuschreibungen im Rahmen von Widerstandsbewegungen in Selbstbezeichnungen transformieren können â Ă€hnlich wie etwa die Umdeutung des Begriffs âschwulâ in der queeren Bewegung. Diese differenzierten Perspektiven wurden im âNprinzessin*â betitelten DER SPIEGEL-Bericht ĂŒber die Veranstaltung jedoch gravierend verfĂ€lscht. Christoph Scheuermann legt Michel Friedman dort die Worte in den Mund: ââDu N*â oder âdu K*â, von einem Afro-Deutschen oder einem tĂŒrkischstĂ€mmigen Deutschen ausgesprochen, ist kein Tabuwort mehr. Es ist lieb gemeint, beinahe ein Kosewort.â5 In der auf YouTube dokumentierten vollstĂ€ndigen Videoaufzeichnung der Podiumsdiskussion ist eine solche ĂuĂerung von ihm jedoch an keiner Stelle dokumentiert. Vielmehr ist es Shermin Langhoff6, die diese Ăberlegung in kontextualisierendem und differenzierendem Bezug auf die Aneignungspraxis von Kanak Attak anstellt.
Die unprĂ€zise Darstellung im DER SPIEGEL-Artikel ist nicht nur journalistisch fragwĂŒrdig. Sie verfĂ€lscht auch die Inhalte der PanelbeitrĂ€ge, reduziert komplexe Differenzierungen auf pointierte Schlagzeilen und konstruiert eine scheinbare Zustimmung zu diskriminierenden Begriffen. Auf diese Weise werden migrantische Stimmen in ihrer Deutungshoheit untergraben und in einen weiĂ-hegemonialen Deutungsrahmen verschoben. Die ursprĂŒnglichen Sprecher*innen verlieren dabei ihre Position als politische Subjekte und werden als ProjektionsflĂ€che medialer ErzĂ€hlungen missbraucht.
Einigkeit auf dem Panel herrschte darĂŒber, dass Sprache mĂ€chtig ist und den gesellschaftlichen Rassismus sowohl widerspiegelt als auch mit hervorbringt. So verurteilten alle Anwesenden pauschale diskriminierende Fremdbezeichnungen und forderten mehr SensibilitĂ€t im öffentlichen Sprachgebrauch. Friedman problematisierte auch den â zur Zeit der Paneldiskussion im Jahr 2010 â höchst populĂ€ren Integrationsbegriff. Integration werde oft im Sinne der Erwartung an Minderheiten benutzt und sei fĂŒr ihn ein rassistisches, diskriminierendes Konstrukt.7
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Ich habe mich hier fĂŒr die Zensur dieses Wortes entschieden, weil ich keinen Mehrwert darin sehe, es zu reproduzieren und mir dies als queer-jĂŒdisch nicht-Schwarz positionierte Person auch nicht zusteht. â©ïžïžïž
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Archiv Werkstatt der Kulturen â Migrationsrat Berlin, WdK129D, Playing in the Dark â Die Rassismusfalle, 2010, ohne Bl. â©ïžïžïž
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â1. PLAYING IN THE DARK Oder die Rassismus-Falleâ. 2011. Hochgeladen von Werkstatt der Kulturen. Zugegriffen 24. Juli 2025. https://www.youtube.com/watch?v=YzS9NJ-LhVg. â©ïžïžïž
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Kanak Attak war eine antirassistische, postmigrantische Aktionsgruppe, die sich ab Ende der 1990er-Jahre in Deutschland gegen rassistische Zuschreibungen, Integrationsrhetorik und hegemoniale Sprachpolitiken positionierte. Der Begriff âKanakeâ wurde dabei bewusst als Selbstbezeichnung strategisch umgedeutet. Vgl. Yildiz, Y. (2014): Beyond the Mother Tongue: The Postmonolingual Condition, New York: Fordham University Press, S. 158â162. â©ïžïžïž
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Scheuermann, Christoph. 2010. âNegerprinzessinâ. DER SPIEGEL, 19. Dezember 2010. http://spiegel.de/panorama/negerprinzessin-a-3d2aae47-0002-0001-0000-000075803471. â©ïžïžïž
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â2. PLAYING IN THE DARK Oder die Rassismus-Falleâ. 2011. Hochgeladen von Werkstatt der Kulturen. Zugegriffen 24. Juli 2025. https://www.youtube.com/watch?v=jwlAwBq7F_M. â©ïžïžïž
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Ebd. â©ïžïžïž
Bereits die Titelwahl des Artikels im DER SPIEGEL verweist auf eine journalistische Praxis, in der kolonialrassistische Begriffe gezielt zur Provokation eingesetzt werden. Anstatt, wie auf dem Panel diskutiert, die politische Verantwortung im Umgang mit diskriminierender Sprache wahrzunehmen, reproduziert das Magazin den Begriff âNprinzessinâ ohne kritische Rahmung und macht ihn zum Aufmerksamkeit heischenden AufhĂ€nger fĂŒr die Berichterstattung.
Der Artikel erwĂ€hnt mit keinem Satz die kritischen BeitrĂ€ge der Panelistinnen etwa zum N-Wort. Stattdessen zeichnet der Autor ein Bild des Moderators Friedman als aggressiven Provokateur. Er nennt ihn den âPiranha unter den deutschen Talkmasternâ, stets auf âFuttersucheâ nach dem nĂ€chsten Eklat. Friedmans Mimik (âGesichtsmuskeln zuckenâ) und selbst private Skandale aus seiner Vergangenheit werden ausgebreitet, obwohl sie mit dem Thema des Diskussionsabends nichts zu tun haben. Diese Zuspitzungen und Abschweifungen dienen offenbar dazu, Friedman zu diskreditieren und die eigentliche Debatte ins LĂ€cherliche zu ziehen.
In Form eines offenen Leserbriefes brachte Nadja Ofuatey-Alazard die Kritik an der Berichterstattung sarkastisch auf den Punkt: Die Leserinnen erfĂŒhren âinhaltlich [âŠ] nichts von Relevanzâ ĂŒber die tatsĂ€chliche Diskussion auĂer eben, âwas Michel âPiranhaâ Friedman alles so mit einem Kugelschreiber anstellen kann, wĂ€hrend er eine Wortveranstaltung moderiertâ.
Archivierte E-Mails als affektives Gegenarchiv
Die unmittelbaren Reaktionen der Veranstalterinnen und Panelteilnehmer*innen auf den DER SPIEGEL-Artikel sind im Archiv der Werkstatt der Kulturen in Form eines regen E-Mail-Austauschs dokumentiert. Dieser E-Mail-Strang fungiert als eine Art affektives Gegenarchiv zur DER SPIEGEL-Debatte, in dem eine ganze Spannbreite an Emotionen in den Worten der Beteiligten festgehalten ist, von Empörung und Verletzung ĂŒber Widerstandsgeist und Kampfeslust bis hin zu nĂŒchterner AbwĂ€gung â GefĂŒhle und Perspektiven also, die im öffentlichen Diskurs oft marginalisiert bleiben. Die Archivdokumente zeigen, dass aus individueller Frustration schnell ein solidarischer Austausch wurde, und halten die Stimmen derer fest, die sich gegen rassistische Diskurse wehren. Im Gegensatz zum distanzierten Ton des Journalisten ist hier die persönliche Betroffenheit der Engagierten spĂŒrbar, wenn es um Rassismus und seine sprachlichen Erscheinungsformen geht. Das Archivmaterial eröffnet betroffenen Communitys die Möglichkeit, persönliche Perspektiven und Strategien des Widerstands nachzuvollziehen und zugleich Konfliktlinien vergangener Debatten sichtbar zu machen. Es schafft Zugang zu dokumentierten Erfahrungen, die im öffentlichen Diskurs hĂ€ufig marginalisiert oder verzerrt wurden, und ermöglicht damit eine selbstbestimmte Erinnerung jenseits von dominanten Narrativen. Damit leistet es einen wichtigen Beitrag zu einer postmigrantischen Geschichtsschreibung, die nicht nur dokumentiert, sondern auch anerkennt, dass marginalisierte Stimmen historisch wirksam und erinnerungspolitisch relevant sind.
Literatur
Migrationsrat Berlin. Playing in the Dark - Die Rassismusfalle, WdK129D, WdK129, Archiv Werkstatt der Kulturen, Migrationsrat Berlin, 2010.
Scheuermann, Christoph. âNegerprinzessin.â Der Spiegel, December 19, 2010 http://spiegel.de/panorama/negerprinzessin-a-3d2aae47-0002-0001-0000-000075803471.
Werkstatt der Kulturen. â1. PLAYING IN THE DARK oder die Rassismus-Falle.â YouTube Video, 14:27. Published February 18, 2011. https://www.youtube.com/watch?v=YzS9NJ-LhVg.
Yildiz, Yasemin. Beyond the Mother Tongue: The Postmonolingual Condition. New York: Fordham University Press, 2014.