Albuminabzüge

Ausgewählte Werke der Lehrbildsammlung des Instituts für Kunst-und Bildgeschichte von der Universität zu Berlin

Unter den Fotoabzügen der Bildsammlung der Mediathek befinden sich 15 Fotografien Guillaume Berggrens, die unterschiedliche Ansichten Istanbuls und der Türkei zeigen. Die Beweggründe und Umstände ihrer Anschaffung sind uns bislang unbekannt, bloß, dass dies in den 1950er Jahren geschah, ist sicher festzustellen. Die Fotografien fügen sich nicht in den Kanon der Kunstgeschichte zum Zeitpunkt ihres Eingangs in die Sammlung ein und sind, wie auch andere Abzüge der Sammlung, nicht inventarisiert worden.

Das Museum für Ostasiatische Kunst Köln zeigte im Rahmen einer Ausstellung 2014 eine Vielzahl von Berggrens Istanbul Darstellungen. Einige der Motive sind denen in unserer Sammlung ähnlich oder sogar mit ihnen identisch. Das Museum datiert diese Bilder allesamt ungefähr auf die 1880er Jahre. Wir gehen davon aus, dass die uns vorliegenden Werke auf die gleiche Zeit zu datieren sind.

№ 176. Pont de Galata - gemeinfrei

№ 160. Mosquèe Sulèimaniè - gemeinfrei

Hier zum Digitalisat der Galata-Brücke in der Mediathek der Humboldt Universität zu Berlin.

Hier zum Digitalisat der Süleymaniye Moschee in der Mediathek der Humboldt Universität zu Berlin.

Guillaume Berggren

*1835, †1920

Der schwedische Fotograf wurde in Stockholm geboren und machte 1850 eine Lehre zum Schreiner. Fünf Jahre später reiste er nach Berlin, wo er in einem Fotostudio arbeitete.

1866 machte er sich auf eine Reise zum Schwarzen Meer auf. Als er Istanbul erreichte, war er von der Stadt dermaßen fasziniert, dass er sich dazu entschied, sich dort niederzulassen. In den 1870er Jahren eröffnete er ein Fotostudio am Grand‘ Ru de Péra.

Berggren war vorrangig berühmt für seine Stadtpanoramen sowie für seine Bilder von Basaren, Seitengassen und bekannten Stellen am Bosporus. Zusätzlich schuf er eine Reihe von Portraits der dort lebenden Menschen.

Was ist ein Albuminabzug?

Der Albuminabzug war ab Mitte des 19. Jahrhunderts das am weitesten verbreitete fotografische Positivverfahren. Er wurde für seine hohe Auflösung und gute Reproduzierbarkeit geschätzt und löste die Daguerreotypie ab.

Das Fotopapier wird zunächst in einer Mischung aus Albumin (Hühnereiweiß) und Natriumchlorid (Kochsalz) gebadet und anschließend getrocknet. Danach wird es mit einer zwölfprozentigen Silbernitratlösung behandelt. Nach dem Trocknen ist das Papier gebrauchsfertig. Die Albuminabzüge werden im sogenannten Printing-Out-Verfahren durch Sonnenlicht entwickelt: Das Negativ wird direkt auf das Fotopapier gelegt, das durch das Licht belichtet und anschließend durch chemische Prozesse fixiert wird. Je nach Lichtintensität, Belichtungsdauer und Tonung entstehen Abzüge in Braun-, Lila-, Blau- oder Schwarztönen. Häufig wurden die fertigen Abzüge zusätzlich auf Karton aufgezogen.

Ende des 19. Jahrhunderts wurden Albuminabzüge zunehmend durch industriell hergestellte Silbergelatine- und Kollodium-Printing-Out Papers ersetzt.

Beschaffenheit von Albuminabzügen

Zur Herstellung der Abzüge wird sehr dünnes Papier mit Albumin beschichtet. Das Papier wird in einer Silbernitratlösung gebadet, wodurch die Schicht schließlich lichtempfindlich wird. Zu seinem Schutz wird das dünne Papier grundsätzlich auf Pappunterlagen fixiert. Auf dem ersten Bild der Serie ist der charakteristische Glanz der Albuminschicht erkennbar.

Durch angewinkeltes Licht wird das dem Material eigentümliche Krakelee erkennbar. Dieses Netz feiner Risse auf der Oberfläche des Abzugs entsteht aus der Wechselwirkung der Eigenschaften von Papier und Albumin.

So reagiert das Papier auf Veränderungen der Feuchtigkeit. Steigt diese an, absorbiert das Papier Wasser und dehnt sich leicht aus. Das Albumin wiederum nimmt kaum Wasser auf und behält aus diesem Grund seine Form. Diese Spannung der beiden Schichten entlädt sich in Form des Auftretens ebendieser Risse in der Albuminschicht. Diese Trennung der beiden Schichten lässt sich besonders gut unter Zuhilfenahme eines Mikroskops erkennen. Die Albuminschicht ist es, welche die eigentliche Fotografie enthält. Bei Ausbleiben von angewinkeltem Licht kommt die darunterliegende Papierschicht, mitsamt ihrer feinen Faserstruktur, zum Vorschein.

Ein häufiges Merkmal des Alterungsprozesses von Albuminabzügen ist eine gelbliche Färbung an besonders hellen Stellen des Bildes. Dieser Effekt, der unter anderem auf die Zersetzung des Albumproteins selbst zurückgeht, wird durch starke Feuchtigkeit sowie Lichteinwirkung beschleunigt und kann zur Identifikation des Prozesses genutzt werden.

Obwohl Albuminabzüge weniger schnell verblassen als vergleichbare Entwicklungsmethoden, setzt auch hier mit der Zeit Blässe, vorrangig an hellen Bildstellen, ein. In der zweiten Bildserie ist eine Beschriftung Berggrens zu erkennen. Die weiße Schrift legt nahe, dass diese Beschriftung mit einem schwarzen Stift direkt auf dem Negativ vorgenommen worden war, und die Schrift bei der Entwicklung des Fotos ebenfalls ins Negative gekehrt wurde.

Detailgenauigkeit

Als fotografisches Verfahren ermöglichen Albuminabzüge eine sehr hohe Detailgenauigkeit, die sich exemplarisch in Berggrens Stadtansicht der Galata-Brücke zeigt und somit sehr passend für Berggrens Fotografien von Städten und Landschaften. In dem stark vergrößerten Bildausschnitt der Laterne – bei maximaler optischer Annäherung – befinden wir uns so nah an der Bildoberfläche, dass die Papier- bzw. Blattfasern des Abzugs sichtbar werden, während die Laterne weiterhin, als Gegenstand erkennbar bleibt. Gleiches gilt für die Fenster im Innenraum der Moschee. Die Detailtiefe des vorliegenden Albuminabzugs hebt sich deutlich von der Struktur digitaler Abzüge ab. Während digitale Fotografien unter dem Mikroskop eine rasterartige Anordnung einzelner Bildpunkte (Pixel) offenbaren, erscheint das Bild im Albuminabzug wesentlich feiner und kontinuierlicher und widerlegt die oftmals getroffene Annahme, dass analoge Fotografie von minderer Schärfe und Qualität sei.

Kontrastschärfe

Darüber hinaus ermöglicht der Albuminabzug eine starke Kontrastschärfe. Meist besteht ein Albuminabzug aus nur zwei Schichten. Die mit Eiweiß beschichtete, glatte Papieroberfläche verhindert das Einsickern der lichtempfindlichen Silberschicht in die Papierfasern und sorgt dafür, dass die Bildinformation weitgehend an der Oberfläche des Abzugs verbleibt. Dadurch entstehen klare Konturen und deutlich voneinander abgegrenzte Hell-Dunkel-Zonen. Diese Eigenschaft begünstigt insbesondere die präzise Darstellung architektonischer Strukturen, wie sie in Berggrens Stadtansichten häufig zu finden ist.

Die hohe Kontrastschärfe unterstützt zudem eine visuelle Lesbarkeit auch bei komplexen Bildmotiven. Fassaden, Brückenkonstruktionen oder ornamentale Details heben sich klar voneinander ab und können vom Betrachter differenziert wahrgenommen werden.

Reproduzierbarkeit

Das Albuminverfahren ermöglicht die serielle Herstellung identischer Abzüge und stellt damit ein spezifisches Angebot an Nutzung und Wahrnehmung dar. Diese Eigenschaft ist für Berggrens fotografische Praxis zentral, da seine Aufnahmen auf einen touristischen und kommerziellen Bildgebrauch ausgerichtet waren. Mithilfe des Positiv/Negativ-Verfahrens können beliebig viele Abzüge angefertigt werden. Das stellt einen großen Fortschritt gegenüber den bisherigen Verfahren der Daguerreotypie oder Ambrotypie dar, bei denen jedes Bild ein Unikat ist. Die technische Möglichkeit der Vervielfältigung strukturiert nicht nur die Distribution der Fotografien, sondern prägt auch ihre Rezeption: Die wiederholte Zirkulation gleicher Motive verbreitet einen standardisierten Bildtypus und prägt somit die Wahrnehmung über die Stadt Istanbul.

© Grossformatkamera, Illustration von Samuel Jordi, 2019

Die Frage nach dem Negativverfahren

Über das verwendete Negativverfahren stellen wir folgende Vermutungen an: Naheliegend ist entweder die Kollodium-Nassplatte oder in Anbetracht der wahrscheinlichen Entstehungszeit der Abzüge in den 1880er Jahren, die trockene Gelatineplatte, die das Nassplattenverfahren in diesem Zeitraum zunehmend ablöste.

Die trockene Gelatineplatte eröffnet gegenüber der Kollodium-Nassplatte erweiterte Handlungs- und Produktionsmöglichkeiten. Die Möglichkeit, Platten industriell vorzufertigen, zu lagern und unabhängig vom Ort der Aufnahme zu verwenden, brachte eine erhöhte zeitliche und räumliche Flexibilität des Fotografen. Für Berggrens fotografische Praxis in Istanbul bedeutet dies eine erleichterte Produktion von Stadtansichten außerhalb des Studios sowie eine größere Unabhängigkeit von mobilen Dunkelkammern, die bei einer Kollodium-Nassplatte notwendig wäre.

Die kürzere Belichtungszeit der Trockengelantine-Platte ermöglicht detailscharfe Aufnahmen auch von Objekten die in Bewegung sind. Belebte Stadträume wie Brücken, Straßen oder öffentliche Plätze können also ohne Inszenierung oder Stillstellung aufgenommen werden.

Aufgrund der Detailschärfe der Personen auf den Abzügen der Galata-Brücke und Süleymaniye-Moschee, ist es zu vermuten, dass Berggren mit Silbergelantine-Platten fotografiert hat.

Autor*Innen

Simon Rodriguez Nieto: Sammlungseinführung, Biografie

Merle Drost: Was ist ein Albuminabzug? Kamera und Eigenschaften

Literaturverzeichnis

Lavédrine, Bertrand et al: Photographs of the Past: Process and Preservation, Los Angeles 2009.

Museum für Ostasiatische Kunst Köln (Hrsg.): Von Istanbul bis Yokohama. Die Reise der Kamera nach Asien 1839-1900, Ausst.-Kat., Köln, 17. Mai - 7. September 2014, Köln 2014.

Özendes, Engin: s.v. «Berggren, Guillaume (Wilhelm) (1835-1920)», in: Herschdorfer, Nathalie (Hrsg.): The Thames & Hudson Dictionary of Photography, London 2015.

Abbildungsverzeichnis

Digitalisate der HU Mediathek

Großformatkamera, Illustration von Samuel Jordi, 2019