Materialität der Fotografie
Beim Umgang mit Fotografien im Archiv zeigt sich, dass die unterschiedlichen Objekte unter dem Sammelbegriff Fotografie jeweils spezifische Materialitäten aufweisen. So ist der Platindruck stabiler als der Salzpapierabzug, obwohl bei beiden die fotosensitiven Partikel direkt im Trägermaterial verankert sind. Die harte Oberfläche eines Albuminabzugs zerkratzt weniger als die eines Silbergelatineabzugs und zeigt stattdessen das typische Krakelee, das durch das Brechen der Albuminschicht bei Ausdehnung des Trägermaterials entsteht.
Mit ihren unterschiedlichen Materialitäten bieten die Praktiken analoger Fotografie unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten an. Mit diesen jeweiligen Affordanzen integrieren sich in unterschiedliche Produktions- und Rezeptionsformen. Im Gegensatz zu Kollodium-Nassplatten ermöglichen Gelatine-Trockenplatten die Vorbereitung der Platten abseits des Aufnahmeortes und machen Fotografie auch weniger professionellen Praktikern zugänglich. Und vervielfältigbare Albumin- und Kollodiumabzüge ermöglichten die kostengünstige Produktion von Porträts. Die Aufteilung der Negativplatte zur weiteren Ökonomisierung führte zum populären Carte-de-Visite-Format.
Diese auf die materiellen Bedingungen der Fotografie fokussierte Perspektive eröffnet einen wissenschaftlichen Zugang, der sich bewusst von dem über die Reproduktion absetzt. In einer Abbildung erscheinen eine auf geschliffenem Metall eingeschriebene Daguerreotypie und ein Salzpapierabzug ähnlich – in ihrem materiellen Erscheinungsbild sind die beiden fotografischen Praktiken nicht zu verwechseln. Und nur der Salzpapierabzug erfüllt die der Fotografie häufig attestierte Eigenschaft, reproduzierbar zu sein - Daguerrotypien sind unikal.
Im Wintersemester 25/26 beschäftigten sich Studierende der Humboldt-Universität mit der „Materialität der Fotografie“ anhand historischer Bestände der Universitätsbibliothek und der Mediathek des Instituts für Kunst- und Bildgeschichte. Ausgewählte Fotografien der Lehrbildsammlung der Mediathek wurden dabei detailliert untersucht. Die Beiträge dieser Ausstellung präsentieren in Wort und Bild die Recherchen zu den spezifischen Materialitäten und den damit verbundenen Aufnahmeprozeduren und Nutzungskontexten.



