Messbilder

Diese Exponate zeigen die Fassaden von klassizistischen Wohn- und Geschäftshäusern im Nikolaiviertel, sowie eine kleine Parkanlage, um 1890. Durch die rasante Bautätigkeit der Gründerzeit, wurde hier die bedrohte Architektur Alt-Berlins dokumentiert.

© Propststraße 2, Nikolaiviertel, 1980, Preussische Messbildanstalt - alle Rechte vorbehalten

Propststraße 2, Nikolaiviertel, 1980, Preussische Messbildanstalt

© Gertraudenstraße 15, Berlin, 1890, Preussische Messbildanstalt - alle Rechte vorbehalten

Gertraudenstraße 15, Berlin, 1890, Preussische Messbildanstalt

Was sind Messbilder?

Messbilder sind fotografische Aufnahmen, die mit speziellen Messkameras gemacht werden, bei denen die inneren Kamera-Daten wie Lage des Projektionszentrums und Bildkoordinaten bekannt sind.

1867 entwickelte der Bauingenieur Albrecht Meydenbauer das Messbildverfahren, nachdem er bei Vermessungsarbeiten am Wetzlarer Dom auf einem hohen Gerüst nur knapp einem Absturz entging. Das heute als Photogrammetrie bekannte Verfahren ist für die Dokumentationsfotografie von zentraler Bedeutung und ein wichtiges Mittel zur systematischen Erfassung von Baudenkmälern. Somit diente die Fotographie als präzises Meßinstrument und konnte als technische Vorlage genutzt werden, um exakte Zeichnungen und Ingenieurpläne anzufertigen.

Messbildsammlung der Mediathek

Die Sammlung umfasst etwa 80 großformatige Abzüge mit Aufnahmen der Preussischen Messbildanstalt.

Die 1921 aus finanziellen Gründen geschlossene Messbildanstalt übergab ihre Negative an die Staatliche Bildstelle Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Negativplatten von sowjetischen Truppen nach Moskau gebracht und 1958 an das Kunstgeschichtliche Institut der Humboldt-Universität übergeben. 1968 ging die Sammlung an das Institut für Denkmalpflege über und wird seit 1991 vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege betreut. Wie die Messbildabzüge in den Institutsbestand gelangten, ist unbekannt; vermutlich handelte es sich um als Ausschussware unentgeltlich erworbene Abzüge. Jahresberichte von Heinrich Wölfflin belegen bereits 1903 die Überlassungen von Messbildern.

Messbildkamera

Verwendet wurde ein Pantoscop-Weitwinkelobjektiv mit einer Brennweite von 25 cm und einem Bildwinkel von 105°. Zur Sicherstellung einer möglichst detailgenauen, kontrastarmen Wiedergabe dienten Fotoplatten aus geschliffenem Spiegelglas im Format 40 × 40 cm. Diese wurden in einen stabilen Rahmen eingespannt, der eine präzise Festlegung der Bildebene erlaubte und zugleich mit einem Fadenkreuz als Koordinatensystem ausgestattet war.

Developing-Out-Verfahren

Silbergelatine-Abzüge können sowohl im Printing-Out-Verfahren als auch im Developing-Out-Verfahren entstehen. Beim Developing-Out-Verfahren, wird ein fotografisches Papier verwendet, das nicht direkt durch Sonnenlicht ausgedruckt wird, sondern in einer Entwicklerlösung verarbeitet wird. Im Gegensatz zu älteren Auskopierpapieren entsteht durch eine kurze Belichtung zunächst nur ein unsichtbares, sogenanntes latentes Bild. Dieses wird erst im Entwicklerbad sichtbar gemacht. Alle diese Papiere besitzen eine bildtragende Schicht aus Gelatine, die entweder auf einem Barytpapier- oder einem RC-Papierträger aufgebracht ist. Der Bildton ist in der Regel neutral und reicht von tiefem Schwarz bis zu verschiedenen Grauabstufungen. Nicht belichtete Bereiche können rein weiß erscheinen oder einen leicht warmen Farbton haben, etwa creme-, elfenbein- oder beigefarben. Der Oberflächenglanz variiert von matt über seidenmatt bis hochglänzend, und die Oberflächenstruktur kann glatt oder unterschiedlich körnig sein.

© alle Rechte vorbehalten

Schichten der Silbergelatine-Abzüge

Ein Silbergelatineabzug ist aus mehreren Schichten aufgebaut. An der Oberfläche befindet sich häufig eine sehr dünne Schutzschicht aus Gelatine, die die eigentliche Emulsion vor mechanischen Beschädigungen schützt. Darunter liegt die Emulsionsschicht, die aus Gelatine und den lichtempfindlichen Silberhalogeniden besteht und in der sich nach der Entwicklung das Bild aus elementarem Silber befindet. Die Bildinformation liegt damit nicht auf dem Papier auf, sondern ist in der Gelatine-Schicht eingebettet. Bei traditionellen Barytpapieren folgt darunter eine Barytschicht aus Bariumsulfat, die für eine helle, glatte und reflektierende Oberfläche sorgt und die Emulsion vom Papierträger trennt. Bei moderneren PE- oder RC-Papieren wird diese Funktion durch eine Kunststoffbeschichtung übernommen. Den Abschluss bildet der eigentliche Papierträger, der dem Abzug Stabilität, Haptik und maßgeblich auch seine Alterungseigenschaften verleiht. Insgesamt verbindet der Silbergelatineabzug chemische Prozesse, materiellen Schichtaufbau und fotografische Bildentstehung zu einem Verfahren, das wegen seiner feinen Tonwertabstufungen, seiner hohen Detailgenauigkeit und seiner archivischen Qualität bis heute sowohl in der künstlerischen Fotografie als auch in der Fotohistorie eine herausragende Rolle spielt.

Materialität der Silbergelatine-Abzüge

Silbergelatineabzüge besitzen aufgrund ihres schichtigen Aufbaus aus Papierträger, Gelatine und Bildsilber eine mechanische Schwachstelle. Die Materialität des Abzugs ermöglicht Handhabung, Rahmung und Archivierung, bringt jedoch gleichzeitig eine Anfälligkeit für physische Einwirkungen mit sich. Knicke, Risse, Kratzer oder Abrieb der Emulsionsschicht entstehen häufig durch Berührung, Druck oder unsachgemäße Lagerung.

Neben der mechanischen Anfälligkeit weist der Silbergelatineabzug auch chemische Charakteristika auf, da das in der Gelatine eingebettete Silber aktiv mit seiner Umwelt reagiert. Einwirkungen von Sauerstoff, Feuchtigkeit, Licht oder Schadstoffen können Oxidationsprozesse auslösen, die sich in Gelbfärbungen, Flecken oder der sogenannten Silberspiegelung äußern. Auch Rückstände von Fixiermitteln können langfristige Veränderungen des Bildes verursachen. Diese chemischen Reaktionen sind Bestandteil der Materialität der Silbergelatine-Abzüge und zeigen somit, dass sie kein statisches Objekte sind, sondern ein sich veränderndes Bildträgermaterial.

Affordanzen der Messbilder

Ein Silbergelatine-Abzug eines Messbildes eignet sich in der Architekturfotografie besonders gut, da er sehr viele Details klar wiedergibt. Durch die hohe Tiefenschärfe und feine Kontrastabstufungen, erlangen die Abbildungen eine überzeugende räumliche Tiefe. Bei einer angemessenen Lagerung sind die Abzüge zudem lange haltbar, sodass Gebäude langfristig dokumentiert und auch noch nach vielen Jahren zuverlässig untersucht werden können.

Viele Aufnahmen wurden als Reise- und Ansichtsphotographien vermarktet. Mit der Zeit entwickelte sich die Meßbildanstalt von einer rein technischen Einrichtung zu einem zentralen Denkmalarchiv, das Tausende historisch bedeutender Bauwerke systematisch erfasste. Besonders nach den Zerstörungen des 20. Jahrhunderts erwiesen sich die Messbilder als unschätzbarer Wert für Restaurierungen und Rekonstruktionen.

Literaturverzeichnis:

Grimm, Albrecht. “Albrecht Meydenbauer: Bauingenieur – Fotograf – Photogrammeter.” Journal of photogrammetry, remote sensing and geoinformation science, Vol.89, 2021, S. 371–389.

vgl. Lavédrine, Bertrand et al: Photographs of the Past: Process and Preservation, Los Angeles, 2009, S. 138-149.

Meydenbauer, Albrecht, Albrecht Meydenbauer : Baukunst in Historischen Fotografien, Leipzig, 1985.

Sachsse, Rolf. “Vom Überblick Zum MeßBild - Bildformen Der Architekturphotographie in Der Zweiten HäLfte Des 19. Jahrhunderts.” In Bild Und Bau 113, 113:Bild und Bau, 2000, Vol.113. Germany: Walter de Gruyter GmbH, 2000.

Schelbert, Georg, in: https://www.kunstgeschichte.hu-berlin.de/2023/03/fundstueck-42/ (LetzterZugriff: 05.02.2026)

vgl. Regensburger, Karl: "Messbild", in: https://www.spektrum.de, 2001, URL: https://www.spektrum.de/lexikon/kartographie-geomatik/messbild/3351 (Letzter Zugriff: 05.02.2026).

Bildverzeichnis:

Foto: Kamera von Albrecht Meydenbauer konzipiert und gebaut, Simon Schmid, Swiss National Library, 2008