Kolorierte Fotoabzüge - zwischen Reproduktion und malerischer Überformung
Von Handtönung bis Übermalung: Techniken, Gebrauch und Bildkulturen der fotografischen Kolorierung
In der heutigen digitalen Ära ist die Fotografie und ihre Nachbearbeitung allgegenwärtig. So greifen moderne Programme wie Photoshop auf eine Tradition zurück, die ihren Ursprung in den 1840er-Jahren sowie in verschiedenen Teilen und Kulturen der Welt hat. Nach Kunsthistoriker*innen wie Carmen Pérez González und Peter Geimer kann der Begriff Kolorierung in drei Subkategorien unterteilt werden: Tönung, Handkolorierung und Übermalung.
Während bei der Tönung der Farbton der gesamten Fotografie verändert wird, zielt die Handkolorierung auf die Einfärbung einzelner Stellen. Hierfür wurden meist Aquarellfarben verwendet. Für Übermalungen hingegen wurde meist Ölfarbe verwendet, die den eigentlichen fotografischen Ursprung des Objektes teils komplett verdecken konnte. Für frühere Entwicklungen technischer Prozesse und der sich entwickelnden Farbfotografie war der Dreifarbenprozess von Bedeutung.
Die Gründe für nachträgliche Kolorierung waren vielfältig, die zwei bedeutendsten sind jedoch der Nutzen in der Wissenschaft sowie in der Kunst. Im 19. Jahrhundert war eine zunehmende Verwendung der Kolorierung in der manuellen Bildbearbeitung aufzufinden. Manuell hinzugefügte Farbe wurde als notwendig erachtet, um entscheiden wissenschaftliche Details zu vermitteln und sichtbar zu machen, die von der Kamera nicht erfasst werden konnten. Damit wurde die rein technische Aufzeichnung der Kamera um eine zusätzliche Ebene der Wahrheit erweitert. Von Interesse ist hier zum Beispiel die Ästhetik der Fotogramme und der Solarisation, die in der Kunst eingesetzt wurden, um Objekte zu abstrahieren und aus ihrem realen Kontext zu lösen. Diese manuelle Kolorierung wurde teils als Kunstgriff oder Kosmetikum angesehen, da sie die ursprüngliche Wahrheit der Schwarz-Weiß-Fotografie überlagerte und eine verfälschte Empfindung vom Leben vermittelte. Gleichzeitig etablierte sie sich jedoch als weitverbreitetes Handwerk, welches ermöglichte, den Mangel an Farbreproduktion zu beheben.
Ohne Kritik bleibt die besprochene Technik jedoch nicht. Hier geht es vor allem um ein Nachkolorieren der historischen Schwarz-Weiß-Fotos. Gerade in der digitalen Ära wird argumentiert, dass bei dem Kolorieren historischer Fotografien die Gefahr des Brechens der historischen Distanz besteht und Schwarz-Weiß-Originale als technisch mangelhaft bewertet werden könnten.
Zwei Grade der Remediation: Direktaufnahme des Sala del Maggior Consiglio und Kupferstich-Fotografie
Im Rahmen dieser Online Ausstellung wurden Kolorierungen von zwei Abzügen untersucht, welche jeweils mit der Technik des Albuminabzuges im 19. Jahrhundert erstellt und nachträglich per Handkolorierung eingefärbt wurden. Zum Einen handelt es sich hierbei um eine direkte Aufnahme des Sala del Maggior Consiglio (Saal des großen Rates) im Dogenpalast in Venedig und zum Anderen um die Fotografie eines Kupferstichs, welcher den voll besetzten Sala del Maggior Consiglio abbildet.
Es stellt sich die Frage, welche Technik der Kolorierung genutzt wurde und welche Motivation die Künstler*innen in dem Prozess der nachträglichen Bearbeitung der Abzüge hatten.
Zwei Grade der Remediation: Direktaufnahme des Sala del Maggior Consiglio und Kupferstich-Fotografie

Handkolorierte Kupferstich-Fotografie des Sala del Maggior Consiglio

Handkolorierte Direktaufnahme des Sala del Maggior Consiglio
Bei den untersuchten Objekten handelt es sich um zwei Albuminabzüge, welche teils durch das Verfahren der Handkolorierung mit Aquarellfarben, teils durch Übermalung mit einer spezifischen, deckenden goldenen Farbe, nachträglich eingefärbt wurden.
Welche Person hinter dieser Nachbearbeitung des Fotoobjekts steckt und mit welcher Intention die einzelnen Bildteile eingefärbt wurden ist heute schwer nachzuvollziehen, über das genauere Untersuchen und den Blick durch das Mikroskop lassen sich dennoch Überlegungen zur Materialität und den Affordanzen der Fotografietechnik der Kolorierung anstellen.
Affordanzen handkolorierter Fotoobjekte: Taktile und visuelle Handlungsangebote im Remediationsprozess
Glanz als Lebendigkeit
Die stellenweise aufgetragene, opake Goldfarbe ist so angelegt, dass die wichtigsten Aspekte des Sala del Maggior Consiglio hervorgehoben werden, wie etwa die runde Rahmung des Deckenfresko oder stellenweise der Stuck an den Wänden. Die opake Anwendung, oft durch Ölfarben und spezielle Goldpigmente, verdeckt den monochromen Silbergelatineazug, im Gegensatz zu den lasierenden Aquarell-Handkolorierungen, welche eine einfärbende Funktion aufweisen. Die Goldfarbe dient in beiden Objekten symbolisch zur Hervorhebung luxuriöser Elemente (im Objekt die Rahmung des Deckenfreskos des Malers Jacopo Tintoretto und der Stuck an Decke und Wand des Saal des großen Rates) und zeigt sich mikroskopisch als dicke Schicht über der Emulsion, die eine Tiefenillusion erzeugt. Die Direktaufnahme weißt deutlich weniger Anwendung der Goldfarbe auf und akzentuiert kleine Stellendes Stucks, während die Kupferstich-Fotografie großflächige Übermalungen der genannten Stellen zeigt. Die Goldpigmente affortieren als emotionale Immersion.
Die Anwendung der mutmaßlich selben Goldfarbe in beiden Objekten lässt zwar nicht auf den oder die Künstlerin hinter der nachträglichen Kolorierung schließen, könnte aber dennoch darauf hinweisen, dass beide Fotografien von derselben Person per Hand eingefärbt und übermalt worden sind.
Mediale Überlagerung: Albuminabzug eines Kupferstichs
Der Kupferstich entstehen durch Gravur seitenverkehrter Zeichnungein in eine polierte Kupferplatte mit Grabstichel. Die typischen haarfeinen Schraffuren schaffen spanförmige Vertiefungen, welche nach Einfärbung und Walzenpressung feine, anschwellende Linien auf Büttenpapier übertragen und so die charakteristische hohe Detailtiefe und Glanzlinien erzeugen.
Der remediierende Albuminabzug belichtet diesen Druck indexikalisch: Emulsion erfasst Ätztextur und Papierrauheit als hybride Schicht. Die fein schraffierten Gesichter der abgebildeten Figuren und die ausgearbeitete Raumdarstellung des Sala del Maggior Consiglio zeigen die Detailtiefe des Kupferstichs. Die nachträgliche Handkolorierung konzentriert sich hier auf den Saal und weniger auf die Hervorhebung der Figuren. Durch die wässrig, teils zerlaufende, lasierenden Aquarellfarben in rot und blau, wird eine Tiefenwirkung und Lebendigkeit der Fotografie, welche durch die Kupferstichvorlage ohnehin wie ein Gemälde wirkt, erzeugt und den Effekt eines gemalten Bildes verstärkt.


Die Kolorierung der Direktfotografie in den Grundfarben Blau, rot und gelb konzentriert sich auf die Gemälde und Fresken des Saales und die darauf abgebildeten Figuren. Beispielsweise durch einen gelb eingefärbten Heiligenschein der Figur, eine blau-rote bildtraditionelle Kolorierung der Gewänder oder eine gesteigerte Tiefenwirkung der Wände, ähnlich wie auf der Kupferstich-Fotografie.


Die Handkolorierung dient somit in Bezug auf beide Objekte weniger um ein realistisches Reproduzieren der Farbschemata des Sala del Maggior Consiglio, sondern vielmehr der Steigerung des symbolischen Gehaltes der Fotografien. Peter Galasi, Kunstkritiker und Kurator spricht von der Kolorierung westlicher Fotografie im Kontext einer rezipierten proto-fotografischen Syntax früherer europäischer Malerei.
Handtönung, Handkolorierung, Übermalung
In verschiedenen Techniken kolorierte Carte de Visite (auch Visitformat, eine Fotografie auf Karton im Format 6 x 9cm) um 1890
Carte de Visite eines Soldaten um 1890