HAUTNAH – UNTER DIE HAUT
Repliken als Nachbildungen, Wissensdarsteller und Diskussionsgegenstände sind aus vielen Wissenschaften nicht wegzudenken. Häufig bezeichnet der Begriff der Replik im Deutschen die von einer*m Künstler*in autorisierte Kopie des eigenen Kunstwerks. In seiner lateinischen Bedeutung steht das Verb replicare für Erwidern und Antworten in Diskurs und Diskussion, aber auch für das Aufrollen, das Entfalten und Abwägen von Sachverhalten oder Argumenten. Später wurde aus der Antwort zusätzlich noch das Echo – der Nachhall, das Nachbilden und Kopieren.
Diese vielschichtigen Bedeutungsebenen finden sich besonders in einer sehr diversen Gruppe von Objekten – den wissenschaftlichen Repliken. Im wissenschaftlichen Alltag nehmen diese Objekte eine wichtige Stellung ein, doch außerhalb der Forschung und Lehre finden sie kaum Beachtung. Jenseits ihrer üblichen Nutzung bleiben diese faszinierenden Objekte unsichtbar. Anlässlich des 75-jährigen Gründungsjubiläums der Freien Universität Berlin öffnen wir die Schubladen und Schränke der universitären Sammlungen und bieten ungewöhnliche Einblicke in die Vielfalt der Forschung und Lehre hautnah anhand von Objekten, die – metaphorisch und tatsächlich – unter die Haut gehen. Diese Objekte leben auch durch Assoziationen, die verschiedene Wissensbereiche umfassen und verbinden. In dieser Ausstellung werden einige dieser Assoziationen greifbar.
Räume

Kleine Artenkunde: Abdrücke, Abgüsse und Faksimiles
[Möglichst präzise dreidimensionale Reproduktionen bilden eine artenreiche Gattung. Sie umfassen vom exakten Eins-zu-eins-Abdruck und dem negativ-positiven ‚Umdruck‘ bei Abgüssen bis hin zur genauen handwerklichen Nachbildung als ‚Kunstwerk-Kopie‘ beim Faksimile viele verschiedene Ausprägungen, Techniken und Materialien. Diese passen sich an den abzubildenden Gegenstand, dessen Kontext und Materialien sowie die Funktion der Reproduktion an.] Elaine Charwat

Die Magie der Repliken: Bewahren, Begreifen, Erkennen
Die Magie der Repliken reicht vom Abbild als Talisman und Votivgabe über die Bewahrung von Verlorenem und die Anwendung in der wissenschaftlichen Lehre als präzise vermitteltes Wissen bis zur aktiven Wissensfindung und Erkenntnis, zur Diagnostik. Abgüsse spielen hier eine besonders große Rolle – sie sind echte Vielkönner.
Im magischen und religiösen Denken können Repliken als Votiv oder Orakel vor Übel schützen. Eine Replik kann auch Erinnerung bewahren, zum Beispiel in Form einer Totenmaske. Einmalige archäologische Grabungsfunde können mithilfe von Repliken in Sammlungen repräsentiert werden, wo sie wissenschaftlich relevant sind.
Anders als die oft sehr fragilen Funde können Abgüsse von allen Seiten angesehen, berührt und manipuliert werden. Abgüsse erlauben ebenso das Erlernen von Diagnostik, die am originalen Objekt nicht immer möglich ist – entweder weil wichtige Elemente schwer zugänglich sind oder weil sie am Lebendigen sehr schwierig ist.

Ideal oder real? Nachbildungen zwischen Kunst und Wissenschaft
[Repliken sind komplex und vielschichtig. Sie sind Bedeutungsträger, Wissensvermittler und Wissensfinder, und damit Chamäleons und Grenzgänger. Repliken bestehen aus verschiedensten Materialien und werden auf unterschiedlichste Weise hergestellt. Dabei entstehen Objekte, die in diversen Fachdisziplinen und anderen Kontexten auf verschiedene Weise genutzt und gedeutet werden können – manchmal auch außerhalb der ursprünglich beabsichtigten Verwendung sowie mit einander überlappenden Funktionen und Bedeutungen. Diese Schnittstellen sind hier von besonderem Interesse; sie zeigen unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen bezüglich Repliken und deren Nutzungen: zum Beispiel den Unterschied zwischen sogenannten Abbildungen und Nachbildungen, das Spannungsfeld zwischen ‚real‘ und ‚ideal‘ sowie Zusammenhänge zwischen wissenschaftlicher Analyse und künstlerischem Bilden.] Elaine Charwat

Anschauungschimären: Präparat, Modell oder Zeichnung?
[Anschauungschimären sind Objekte, die zwischen den Stühlen stehen: Was ist ‚nur‘ Kopie? Was ist schon Modell? Was ist mit den dazugehörigen Abbildungen? Wann wird ein anatomisches Präparat zum Modell? Was sind die Unterschiede zwischen Innen- und Außenansicht? Ist ein präparierter Hundeschädel mit Knochen, Haut und weiteren organischen Anteilen wie Ohren und Nase, aber mit nachmodellierten Muskeln und Adern in Wachs ein Präparat, ein Kunstobjekt oder ein Modell? Und welche konzeptionellen Vor-und Nachteile haben solche Mischobjekte, wenn sie den Ausgangpunkt für zweidimensionale Abbildungen in wissenschaftlichen Atlanten und auf Wandtafeln bilden?] Elaine Charwat

Von Innen nach Außen – Ausguss und Einguss
[Biologisch-anatomische Präparate können sowohl Inneres als auch Äußeres abbilden. Innere Strukturen wie Lungen- oder Aderverästelungen werden ausgegossen und als fragile, freistehende Korrosionspräparate in ihrer ganzen Komplexität sichtbar. Umgekehrt kann ein traditionelles Präparat wie ein Hundekopf mit all seinen organischen Feinheiten in einen Kunstharzblock eingegossen werden. Dann ist es, anders als der präparierte Kopf oder das Korrosionspräparat, nicht nur überaus beständig, sondern auch ideal zu handhaben. Es kann durch Beifügen von Text, Farbe und grafischen Elementen in das Kunstharz wie eine dreidimensionale Lehrillustration benutzt, von Hand zu Hand gereicht, gedreht und gewendet werden.] Elaine Charwat

Von Mikro zu Makro – von Daten zur Anschauung
[Den Schritt von Mikro zu Makro gibt es in vielen Disziplinen und deren Sammlungen. Aus oft mikroskopisch-kleiner äußerer Struktur wird ein Modell, ein leicht erkennbares Schema destilliert, das wichtig zum Erkennen, Bestimmen und Verstehen ist. Der Unterschied zwischen verändertem Maßstab und schematischer Darstellung ist dabei oft fein und fließend. Neben der dritten Dimension in voller Pracht gibt es auch flache Repliken wie Zeichnungen und Fotografien, die vergrößern oder schematisieren. Der Kontext gibt oftmals das Format vor.] Elaine Charwat